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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
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Christoph Daxelmüller

Wachsstockes bei Gewittern ebenso unsinnig wie überflüssig, der Fort-schritt des medizinischen Wissens stand gegen die Heils- und Heilungssu-che auf Wallfahrten. Volksfrömmigkeit als Ausdrucks- und Handlungsformgeriet zur Bigotterie. So charakterisierte Eduard Duller( 1809-1853) den,, Steiermärker", bei dem man immer den Obersteiermärker im Auge be-halten" müsse, als fromm bis hin zur Bigotterie und zum Aberglauben,ohne daß dies jedoch seine angeborene Lustigkeit zu dämpfen vermöchte;es kommt von seinem festen Beharren am alten, das oft bis zum trutzigenEigensinn wird❝56. Die neue Vernunft erhielt ihre Berechtigung aus derUnvernunft der Tradition.

DER ERSCHOSSENE CHRISTUS, ODER:

DIE GEGENSTÄNDLICHKEIT DER BILDUNG

Hier aber gelingt es, die Entdeckung der Volksfrömmigkeit aus dem Bil-dungsbewußtsein des 18. Jahrhunderts heraus zu begründen. Der Volks-religion standen niemals im Gegensatz zu, sondern vielmehr in derpopulären Umformung von elitären abstrakten Dogmen und Theoremen

bildliche Bezugspunkte, geistige Hilfen und verständliche Ätiologienvon der Welt und vom Übernatürlichen zur Verfügung. Den Aufklärernhingegen mußten in einer Zeit, die Frömmigkeit längst als ausdruckslo-ses, introvertiertes Gefühl zu verstehen begonnen hatte, religiöse Verge-genständlichungen ein Dorn im Auge sein.

1802 berichtete etwa im Münchner Wochenblatt" ein Artikel über Karfreytag in N." ironisch- angewidert von der zur Unehre des 19. Jahr-hunderts" nach wie vor begangenen maskirten" Prozession, in derenVerlauf der Darsteller des Christus mehrmals vom Förster erschossen"wurde:

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,, Ich stellte mich unter die gaffende Menge, und betrachtete mitUnmuth das Possenspiel, das der Mönchsgeist mit dem großenHaufen immer gespielet hat, und noch spielt. Mit den traurigen

Eduard Duller, Das deutsche Volk in seinen Mundarten, Sitten, Bräuchen und Trach-ten. München o.J.[ ¹1847], S. 66–67; ähnlich fällt sein Urteil über den Kärntner aus:er teilt alle Vorzüge und Fehler der Alpensöhne: er ist gutmütig, liebt seine Heimatund hängt fest am alten, auch am Aberglauben( Wahrsagerei, Gespensterfurcht, He-xenglauben, Nestelknüpfen, Festmachen, Wetterkochen) und einer stark ausgespro-chenen Bigotterie( insbesondere Hang zu Wallfahrten). Arbeitsscheu kommt dazu,daher Gelage in Wirtshäusern, häufiges Betteln, Unreinlichkeit in den Häusern";ebda., S. 85.