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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
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Christoph Dazelmüller

ist, ebenso wie diese selber sich des Einstroms ursprünglich fern-stehender areligiöser Anschauungen und Sitten nicht erwehrenkonnten. Die körperliche Einerleiheit von kirchlicher und natio-naler Gesellschaft läßt jedenfalls die Säkularisierung des Kultur-lebens als einen allmählich sich vollziehenden, langsamen, vonden sie erfahrenden Generationen kaum bemerkten Prozeß er-scheinen." 46

Während sich aber das Zerbrechen dieser Einheit über mehrere Jahrhun-derte hinweg erstreckte, geschah dies innerhalb des Judentums

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plötzlich, fast ohne Vorbereitung. In der christlichen Gesell-schaft Westeuropas dauerte der Prozeß der Säkularisierung mehrJahrhunderte als in der ihr eingesprengten Judenheit Jahrzehnte.Und dann öffnete sich dieser orientierungslos gewordenen Juden-heit eine politische und kulturelle Welt, die, dem Namen nach re-ligiös neutralisiert, doch ihre kirchliche Vergangenheit, die Nach-wirkungen ihrer Geschichte, sichtbar offenbarte. Jetzt erst tatsich vor jüdischer Besinnung die Frage auf: Was bedeutet Reli-gion? Was bedeutet uns unser Glaube? Das Christentum warim Protestantismus geneigt, Religion zu einer Sache der reinenInnerlichkeit der Einzelseele zu machen; es kämpfte im römischenKatholizismus um die Erhaltung einer christlichen Gesellschafts-ordnung, indem es die Reste des alten Autoritätsglaubens dazubenutzte, dem Staat nach Möglichkeit den Willen der Kircheaufzuzwingen. Wie aber sollte die Stellung des Judentums sein,des Judentums, das sich vor allem als Lehre einer alle Lebens-gebiete durchdringenden religiös- gesetzlichen Ordnung fühlte, inder Atomisierung der religiösen Gemeinschaft, in der Eingliede-rung ihrer Einzelträger in eine neutrale Gesellschaft den wich-tigsten Teil seiner Forderungen bedeutungslos oder gar völligunausführbar geworden sah? War Religion bisher in Lebensstilund Daseinsordnung völlig aufgegangen, so sah sich die Juden-heit nun vor die große Entscheidung gestellt, hier eine Sonderungvorzunehmen. Der Vorgang, der sich nach der ersten ZerstörungJerusalems abgespielt, mußte sich unter unvergleichlich schwie-rigeren Bedingungen wiederholen, religiöses Leben aus der Fülle

Max Wiener, Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation. Berlin 1933, S. 6–7.