Volksfrömmigkeit ohne Frömmigkeit
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,, Is There A Jewish Folk Religion?", bejahte sie zwar anhand einer Ana-lyse populären Erzählmaterials und zog sogar die Möglichkeit verschiede-ner jüdischer Volksreligionen in Betracht, wies jedoch ehrlicherweise auchauf die Gegenposition der normativen Theologie hin: was nicht den re-ligiösen, kultischen und rituellen Normen entspreche, werde als illegitimeAbweichung betrachtet und u.a. der Magie oder dem Aberglauben zuge-ordnet 38.
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Tatsächlich läßt sich die Skepsis der jüdischen Volkskunde bis 1896 bzw.1898 zurückverfolgen. 1898 hatte Rabbi Dr. Max( Meir) Grunwald( 1871-1953) in Hamburg die„ Gesellschaft für jüdische Volkskunde" gegründetund mit dem Aufbau eines„ Museums für jüdische Volkskunde" begonnen.Bei der Kanonbildung, der inhaltlichen Trennung von geistig- literarischerund materieller Kultur, war sicherlich die nichtjüdische Volkskunde Pategestanden, was nicht zuletzt aus dem vom„ Comité der Henry Jones-Loge für jüdische Volkskunde" im November 1896 versandten Fragebo-gen deutlich wird 39. Einsammlungen sollten erfolgen 1. zu„ Namenkundeund Mundartlichem", 2. zur„ Dichtung", 3. zu„, Glaube und Sage", 4. zu,, Sitte und Brauch", 5. zu„ Weissagung, Zauber, Volksheilkunde" und 6.zu„ Hausbau und Volkstracht". Nach den Begriffen„ Frömmigkeit" odergar ,, Volksfrömmigkeit" sucht man vergeblich; man stößt bestenfalls un-ter, Glaube und Sage" neben Magiologischem, Dämonologischem undSpektrologischem auf„ Besonderheiten im Gottesdienst, Gebete, Toravor-lesung, Priesters egen, allgemeines Verhalten im Gotteshause, Wallfahr-ten, Spenden u.s.w." sowie auf„ Hauptgegenstände des Studiums, Hlg.Schrift, Talmud, Sohar, Maimonides u.s.w.". Unter„ Sitte und Brauch"fallen Sonderformen„, 1. An bestimmten Tagen und Zeiten des Jahres. Anden hohen und den Wallfahrts- Festen, besonders an Hoschana rabba undSimchat Tora, ferner an Chanukka, am 15. Schebhat, an Purim, in denSefira- Tagen, am 9. Abh u.s.w. Ueberall sind auch die besonderen Spei-
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Dov Noy, Is There a Jewish Folk Religion? In: ders., Frank Talmage( Hgg.), Studies inJewish Folklore. Cambridge, Mass. 1980, S. 273-285, hier S. 273. Noy setzt„ Volksre-ligion" der normativen Literatur, etwa der Thora, dem Talmud und Midrasch, denmaimonidischen Gesetzescodices, den gaonischen Responsa oder dem„ SchulchanAruch" des Rabbi Josef Karo gegenüber und verweist auf die„ minor traditions",also auf Glaubensformen, Praktiken und Schöpfungen des gemeinen Volkes(„, themasses, the folk' in our terms") hin.
39 Sammlungen zur jüdischen Volkskunde. Einladung[ und] Fragebogen. The JewishNational and University Library Jerusalem, Nachlaß Dr. Max Grunwald; Sign. 4°1182/ XX, unpag.