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Volksfrömmigkeit : Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989 in Graz
Entstehung
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Volksglaube und Hochreligion

die Möglichkeit, darin eine göttliche Fügung" zu erblicken.

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Je weiter aber die Entzauberung der Welt durch die Wissenschaftfortschreitet, desto mehr sieht sich die Religion von den Aufgaben derErklärung der Wirklichkeit abgedrängt. Was vorerst bleibt, ist die Sank-tionierung der Moral. Dazu schreibt Sigmund Freud:, Göttliche Aufgabewird es nun, die Mängel und Schäden der Kultur auszugleichen, die Lei-den in acht zu nehmen, die die Menschen im Zusammenleben einanderzufügen, über die Ausführung der Kulturvorschriften zu wachen, die dieMenschen so schlecht befolgen." Doch wird nicht nur die Sanktion derNormen Lohn und Strafe in ein unkontrollierbares Jenseits abge-schoben, sondern es läßt sich auch zeigen, daß die angeblichen ewigen mo-ralischen Grundsätze ,, suum cuique tribuere, honeste vivere, neminemlaedere" ebenso wie das bonum est faciendum et malum vitandum"nur leere Formeln darstellen, die mit jedem beliebigen Moralsystem ver-einbar sind. Die Geschichte nicht nur der christlichen Moralphilosophieund Naturrechtslehre bietet dafür eine Fülle von Beispielen.

Wenn aber in der Hochreligion die göttliche Macht zur Allmacht em-porgesteigert wird, erhebt sich das Doppelproblem von Willensfreiheit undTheodizee. Ist Gott allmächtig und allursächlich, so verursacht er auch diemenschlichen Handlungen einschließlich der Sünden und ist daher für dieseverantwortlich; darüber hinaus aber stellt sich die grundsätzliche Frage:Si Deus unde malum? So muß man entweder versuchen, das Übel und dasBöse irgendwie hinwegzueskamotieren, oder eine zweite, widergöttlicheMacht annehmen. Während die Theologie den ersteren Weg bevorzugt,bleibt für den lebensnäheren Volksglauben oft genug der Teufel der Herrder Welt. So bleibt denn auch die Lehre vom allmächtigen und allgütigenGott angesichts der Indifferenz des Weltlaufes gegenüber den mensch-lichen Wertvorstellungen eine stete Quelle des Zweifels viel wenigerSchwierigkeiten macht es, an den Teufel zu glauben.

Zu diesen Problemen oder Scheinproblemen, die sich nicht nur demChristentum stellten und die dieses zum Teil aus der griechischen Me-taphysik ererbt hatte, kamen noch zahlreiche andere, die sich aus dessensynkretistischem Charakter ergaben. Dafür nur ein Beispiel. In vielen Kul-turen und auch in der griechischen Philosophie galten Leidlosigkeit undUnsterblichkeit als zentrale Gottesprädikate, nun aber sollte der Gott-Christus noch dazu von Menschenhand Passion und Tod erlitten

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haben, denn der Tod eines bloßen Menschen, und sei es der edelste, hättenie zur Erlösung der ganzen Menschheit ausgereicht. Diese und andereWidersprüche sind in den christologischen Auseinandersetzungen aufge-