Die ,, Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm
deuteten dabei oft diejenigen Begriffe, für die es in der jeweiligen Sprache kein sächlichesund sprachliches Äquivalent gab, um, oder sie ließen bestimmte Passagen in der Übersetzungeinfach aus. Ein Beispiel ist die erste englische Fassung des Märchens„ Rapunzel", bei der derÜbersetzer den deutschen Feldsalat schlicht durch ein„ Veilchen" ersetzte:„ Violet, Violet,I am here; Quickly let down your golden hair!" 19 In den frühen japanischen, chinesischenund koreanischen Übersetzungen werden interessanterweise die Beschreibungen körperlicherKontakte, wie z. B. ein Kuß u.ä., ausgegeblendet, da diese in der kulturellen Tradition Asiensals anstößig betrachtet wurden.
Zu Beginn der Grimmschen Rezeption im Ausland20 hat es jedoch auch Versuche gegeben,die Grimmschen Märchen ganz im jeweiligen kulturellen Kontext zu verorten und damitauch dort zu verheimaten. Ein schönes Beispiel dafür ist die erste illustrierte japanische Ausga-be des Märchens„ Der Wolf und die sieben jungen Geislein"( Yatsuyagi) aus dem Jahr 1887.In weitgehender Abweichung vom Grimmschen Text ist hier nicht nur die Einrichtung desGeißenhauses japanisiert, der Wolf und die Geißlein sind auch landestypisch mit Yukata undKimono bekleidet21. Ein anderes Beispiel ist die Darstellung der„ Bremer Stadtmusikanten"in russischen illustrierten Ausgaben, in denen das Räuberhaus im Wald die Gestalt von by-zantinischen Kirchenbauten oder hölzerner russischer Volksarchitektur angenommen hat²².Betrachtet man allerdings die neueren( nach 1945 erschienenen) japanischen oder russischenAusgaben der„ Kinder- und Hausmärchen", so stellt man fest, daß die Grimmschen Märchenmeist in ihre ursprüngliche„ Heimat“ zurückgekehrt sind und wieder ganz in den hessischenbzw. deutschen Kontext zurückversetzt wurden. Viele Illustratoren im Ausland versuchen erstgar nicht, die Märchen mit eigenen nationaltypischen Bildern zu färben.
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The Fairy Ring: A New Collection of Popular Tales, Translated from the German of Jacob and Wilhelm Grimmby John Edward Taylor. With Twelwe Illustrations by Richard Doyle. London: John Murray, 1846, S. 73–79.20 Zur Rezeption der KHM im Ausland vgl. u.a. Dörte Schier: Zur Rezeption Grimmscher Kinder- und Hausmärchenin Frankreich. Allgemeiner bibliographischer Abriß und spezieller Textvergleich bei Aschenputtel. Leipzig:Magisterarbeit an der Universität, 1992. 165 S.; Martin Sutton: The Sin- Complex. A Critical Study of EnglishVersions of the Grimms' ,, Kinder- und Hausmärchen" in the 19th Century. Kassel: Brüder Grimm- Gesellschaft,1996. VIII, 352 S.(= Schriften der Brüder Grimm- Gesellschaft, 28); Yoshiko Noguchi: Die Rezeption der ,, Kinder-und Hausmärchen" der Brüder Grimm in Japan. Marburg: FB Gesellschaftswiss., 1977.268 S.; Michiaki Kawato,Yoshiko Noguchi u. Takanori Sakakibara: Nihon niokeru Gurimu dowa honyakushoshi[ Die Rezeption derKHM in Japan]. Tokyo: Nada Shuppan, 2000. 254 S.; Yea- Jen Liang: Die ,, Kinder- und Hausmärchen" in China.Rezeption und Wirkung. Wiesbaden: Harrasowitz, 1986. VII, 179 S.; Seok- Hee Choi: Zur Rezeption der ,, Kinder-und Hausmärchen" in Korea. In: Jahrbuch der Brüder Grimm- Gesellschaft 6, 1996, S. 105-126; Teresa MariaCortez: Die ersten Übersetzungen der„ Kinder- und Hausmärchen" in Portugal. In: Jahrbuch der BrüderGrimm- Gesellschaft 6, 1996, S. 127-142; Dies.: Os Contos de Grimm em Portugal. Estudo da Recepção dosKinder und Hausmärchen" entre 1837 e 1910. Aveiro: Universidade de Aveiro, 1998. 605 S.; Anne MunroMcGregor. The Transmission of the Grimms' ,, Kinder- und Hausmärchen" into French 1812-1912. Auckland:Dept. of Germanic Languages and Literature, 1999. S. 443.
21 Vgl. Yoshiko Noguchi: Die erste japanische Übersetzung grimmscher Märchen und ihr geschichtlicherHintergrund. In: Brüder Grimm- Gedenken 3, 1981, S. 422-434(= Schriften der Brüder Grimm-Gesellschaft, 5).
22 Vgl. z.B. Skazki brat'ev Grimm. Pereskaz A. Vvedenskogo pod obščej redakciej S. Maršaka. Riskunki i obložkaE. Safonovoj[ Märchen der Brüder Grimm. Nacherzählt von A. Vvedenskij unter der Redaktion von S. Maršak.Zeichnungen und Umschlaggestaltung von E. Safonova]. Moskva- Leningrad: Izd. detskoj literatury, 1937,S. 3-13, hier S. 12.
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