Bernhard Lauer
Land ziehen, dabei aber den armen und einfachen Leuten durch Teufel- und Dämonenaus-treibungen hemmungslos das Geld aus der Tasche ziehen.
Entscheidend für die Herausbildung solcher Stereotypen sind jedoch vor allem zwei irrendeDarstellungen in Deutschland selbst. Um 1894 schuf der Kasseler Maler Louis Katzenstein( 1822-1907) sein berühmtes Bild mit der Darstellung des Besuches von Jacob und WilhelmGrimm bei der Zwehrener Märchenfrau Dorothea Viehmann, das bis in unsere Zeit regel-mäßig Artikel über die Grimms und ihre Märchen in den Gazetten begleitet. Dabei sind dieBrüder Grimm wohl nie selbst bei der Märchenfrau in Zwehren gewesen, diese hat vielmehrin der Grimmschen Wohnung in der Kasseler Marktgasse und später am Wilhelmshöher Torihre Märchen erzählt. In entscheidender Weise beigetragen zu dem Bild vom heimischenhessischen Ursprung der Grimmschen Märchen hat danach ein folgenschwerer Irrtum Her-man Grimms( 1828-1901), des ältesten Sohnes von Wilhelm Grimm. Er deutete 1895 dieunter einigen Märchen- z.B.„ Rotkäppchen" oder„ Dornröschen" u.a.- im GrimmschenHandexemplar stehenden handschriftlichen Herkunftsbezeichnungen„ Von der Marie" oder,, Marie" als mündliche Beiträge einer alten Kinderfrau im Grimmschen Nachbarhaus in derKasseler Sonnenapotheke. Zusammen mit Dorothea Viehmann wurde diese aus Rauschen-berg bei Marburg stammende Haushälterin namens Marie Müller( geb. 1747) fortan einesder Hauptargumente für den heimischen deutschen Ursprung der Märchen. So schob manim Deutschen Kaiserreich noch vor dem Waffengang mit dem französischen„ Erbfeind“ je-dem Bezug zur Tradition der Perraultschen„ Feenmärchen“ einen deutlichen Riegel vor. ErstHeinz Rölleke konnte 1975 diese falsche Zuschreibung korrigieren und jene Beiträge einerjungen Kasseler Bürgerstochter im Umfeld der Brüder Grimm, nämlich Marie Hassenpflug( 1788-1856), gesichert zuschreiben. Die Hassenpflugs stammten in der mütterlichen Linievon französischen Glaubensflüchtlingen aus der Dauphiné ab, und die französische Traditionwirkte in dieser Familie noch lange nach. Jacob und Wilhelm Grimm wurden etwa 1808 mitden Geschwistern Hassenflug bekannt; später heiratete ihre Schwester Lotte den nachmaligenhessischen Staatsminister Ludwig Hassenpflug. Die Verbindung zu Charles Perrault und zurfranzösischen Feenmärchentradition wird so mehr als augenfällig. Den Brüdern Grimm selbstwar dieser Zusammenhang natürlich bewußt; sie lobten den„ einfache( n)" und„, natürliche( n)"Erzählstil der Märchen Perraults und seinen„ Kinderton" sehr'; bezeichnenderweise schiedensie ab der zweiten Auflage ihrer Märchen zwei berühmte Texte, nämlich den„ GestiefeltenKater" und den„ ,, Ritter Blaubart", aus ihrer Sammlung wieder aus, weil ihnen die Nähe zuPerraults ,, Le Chat Botté" und„ La Barbe Bleue" doch zu offensichtlich erschien. Trotzdemwerden heute gerade diese Märchenstoffe eher mit den Brüdern Grimm als mit Charles Perr-ault verbunden, wie man zuletzt z.B. an dem wirklich schrecklichen amerikanischen Anima-tionsfilm ,, Shrek" feststellen konnte.
7 Das Original ist wahrscheinlich verschollen; erhalten ist eine Grisaille, die sich heute im Bestand der NeuenGalerie Kassel befindet; vgl. Marianne Heinz u.a.( Bearb.): Bestandskatalog der Gemälde des 19. Jahrhunderts.Kassel: Weber& Weidemeyer, 1992, S. 103, Kat.Nr. 364; im Brüder Grimm- Museum sind weitere Variantendieses Sujets als Druckgraphiken und Photographien vorhanden.
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Heinz Rölleke: Die ,, stockhessischen" Märchen der„ Alten Marie". Das Ende eines Mythos um die frühestenKHM- Aufzeichnungen der Brüder Grimm. Zuerst in: Germanisch- Romanische Monatsschrift NF 25, 1975,S. 74-86; auch in Ders.:,,Wo das Wünschen noch geholfen hat". Gesammelte Aufsätze zu den Kinder- undHausmärchen" der Brüder Grimm. Bonn: Bouvier, 1985, S. 39-54.
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Kinder- und Hausmärchen, Kommentarband, 1856, S. 300.
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