Bernhard Lauer
tion der gesamten damals bekannten europäischen und orientalischen Glossar ::: zum Glossareintrag orientalischen Märchentraditionen.Im Kasseler Brüder Grimm- Museum finden sich fast alle in deutscher Sprache erschienenenGesamt-, Teil- und Einzelausgaben sowie zahlreiche Übersetzungen der Grimmschen Mär-chen in über 160 verschiedenen Sprachen und Kulturdialekten aller Erdteile.
„ Die Kinder- und Hausmärchen",- so heißt es im Antrag der Brüder Grimm- Gesellschaftvom 8. April 2004 an die UNESCO,-„ gleichen einem Hohlspiegel, der eine durch mehrereKulturen geprägte Märchentradition einfängt, in neuer Form zusammenfaßt, bündelt und sozurückstrahlt, daß eine neue Tradition daraus erwächst und, gebunden an das Werk, welt-weite Wirkung entfaltet. Die Verbreitung der Grimmschen Märchen ist ein Ausweis ihresexemplarischen Charakters, der in der deutschen Romantik verwurzelt die Poesie dermenschlichen Vorstellungswelt in universell gültiger Form ergriffen und niedergelegt hat. DieEinzigartigkeit und globale Wirkung dieser Sammlung geht darauf zurück, daß die BrüderGrimm in der literarischen Codierung der vorliterarischen Überlieferung die deutsche undeuropäische Bezugswelt überschritten und ein universelles Muster völkerübergreifender Mär-chenüberlieferung geschaffen haben." 3
Trotz ihrer immanent transnationalen Struktur und trotz ihrer überlieferungsgeschicht-lich supranationalen Ausrichtung- Jacob und Wilhelm Grimm benennen ihre Sammlungbezeichnenderweise schlicht„ Kinder- und Haus- Märchen. Gesammelt durch die BrüderGrimm" und nicht etwa ,, Deutsche Märchen" o.ä.- ist es gerade diese Märchensammlunggewesen, die in aller Welt ein Bild von Deutschland, von deutscher Geschichte, deutscherGeistesart, deutschem Gemüt und deutscher Befindlichkeit aufgebaut hat, das bis in die Ge-genwart über die Sprache, vermehrt aber über weitere Medien von der Bildenden Kunst überOper, Theater, Hörspiel und Film bis in die Werbung und die neuen elektronischen Formender Kommunikation vielfach weiterwirkt.
Auf der einen Seite haben die Brüder Grimm in der überlieferungs- und motivgeschichtli-chen Dokumentation ihrer Texte stets den internationalen Zusammenhang der Märchen prä-zise und ausführlich herausgestellt- etwa zu der antiken Erzählung von„ Amor und Psyche"( 1. Jh.) oder dem altindischen„ Pantscha- Tantra"( 3./4. Jh.), den persisch- arabischen Tradi-tionen der Märchen der„, 1001 Nacht"( seit dem 8./9. Jh. belegt) oder den mittelalterlichenLegenden der„ Gesta Romanorum"( 14. Jh.) bis hin zu den ersten zusammenhängenden eu-ropäischen Märchensammlungen von Gianfranceso Straparola( Venedig 1559), GiambattistaBasile( Neapel 1634), Charles Perrault( Paris 1697) und anderen.
Auf der anderen Seite haben sie jedoch, z. B. in den Vorworten zu den Märchen, suggeriert,daß es sich bei den gesammelten Texten um„ echte, lebendige und ursprüngliche" Volkspo-esie handle, um die Reste uralter bis in vorliterarische Zeiten zurückreichende volkstümlicheÜberlieferungen, in denen- so Wilhelm Grimm 1814 im Vorwort zum zweiten Band derMärchen- ,, urdeutscher Mythos" liege,„ den man für verloren gehalten".4 Auch die heraus-gehobene Stilisierung der Erzählerin Dorothea Viehmann( 1755-1815) aus dem bei Kasselgelegenen Dorfe Zwehren zur„ stockhessischen Märchenfrau"- sie ist die einzige mündlicheQuelle der Grimms, die namentliche Erwähnung findet und seit der zweiten Auflage der Mär-chen von 1819 mit ihrem Porträt das Frontispiz des zweiten Bandes ziert- hat erste Grundla-
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Bernhard Lauer( wie Anm. 2), S. 10.
Kinder- und Haus- Märchen( wie Anm. 1), Band 2, 1815, S. VII( die Vorrede ist datiert: ,, Cassel, am 30. September1814"; Jacob Grimm weilte zu dieser Zeit schon in Wien, wo er in der Funktion eines kurhessischenLegationssekretärs am Kongreẞ teilnahm.
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