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Erb.gut? : kulturelles Erbe in Wissenschaft und Gesellschaft ; Referate der 25. Österreichischen Volkskundetagung vom 14. - 17.11.2007 in Innsbruck
Entstehung
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Martin Scharfe

3. Als ob( Der Geist der Materie)

Da erhebt sich freilich sofort die Frage, ob sich eine Spur nicht auch völlig verlieren kann-wie wenn man keine, Witterung' mehr aufnehmen könnte; wie wenn das kulturelle Materialseine Bedeutung, seinen, Geist' verloren hätte. Um diese Frage zu erörtern, führe ich zweiKonstellationen des, Als ob' an, soll heißen: Konstellationen, in denen Dinge eine Bedeutungzu haben scheinen, die man anfangs völlig verloren gegangen glaubte. Es ist, als ob die Dingeeinen geheimen Sinn hätten, als ob die Materie ihren Geist nicht loswerde. 29

Anrüchigkeit

Die eine Konstellation nenne ich Anrüchigkeit; ich leite diesen Ausdruck ab aus einer ju-ristischen Episode, die erst kürzlich durch die deutschen Zeitungen ging: es wurde von dererheblichen Wertminderung eines Hauses berichtet, nachdem herausgekommen war, daß indiesem Haus ein Doppelselbstmord stattgefunden hatte. In einem Gerichtsverfahren entschieddas Oberlandesgericht Celle: Wenn dem Hauskäufer verschwiegen wird, dass die Vorbesitzersich in dem Haus erhängt haben, kann er den Vertrag anfechten." In der Zeitungsmeldungheißt es: ,, Ein Makler hatte erklärt, die Vorbesitzer hätten sich in Spanien getötet. Von einemHandwerker erfuhr der Käufer zufällig, dass sie sich im Haus erhängt hatten und erst Wochenspäter entdeckt worden waren." 30

Es ist also, als ob das Haus noch nach den Toten röche- als ob sie stoffliche Spuren oderVerschmutzungen hinterlassen hätten. Ähnliche Empfindungen gespürten Unrats werdenvon Menschen berichtet, bei denen eingebrochen wurde: Die Leute schildern, dass sie sichnicht mehr wohl in ihrem Haus fühlen", lese ich im Interview mit einem Kriminalisten:,, Dass Fremde in den Intimbereich eingedrungen sind, zum Beispiel die Wäsche durchwühlthaben, ist für viele unerträglich. Ich hatte mit Bewohnern zu tun, die ihre gesamte Wäschein die Reinigung gegeben haben oder ständig das Gefühl hatten, duschen zu müssen." 31 Undich möchte nochmals an den Berliner, Palast der Republik' erinnern, der doch letztlich undeigentlich wegen seiner ideologisch- politischen Verseuchung abgerissen werden soll, die mannun als wirklich giftige Asbestverseuchung empfindet: auch hier ist die kulturelle, Vergiftung'in eine materielle Vergiftung umgeschlagen.

Es fiele nicht schwer, andere Beispiele anzuführen von Orten und Objekten des Grauens,aber auch der Erhebung, von( wenn man so sagen darf:) pathetischen Orten und von Objektenmit Patina und Aura; und auch die Geschichte der Metaphernsprache belegt eine ehrwürdigeTradition solcher Vorstellungen vom Schmutzigmachen der Finger und vom Händewaschendes sich unschuldig Fühlenden- wie in der berühmten Pilatus- Geste. 32( Abb. 14)

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Meine Überlegungen sind wenigstens aus der Ferne angeregt von Hans Vaihinger: Die Philosophie desAls Ob. System der theoretischen, praktischen und religiösen Fiktionen der Menschheit auf Grund einesidealistischen Positivismus( 1911). Volksausgabe. 2. Aufl. Leipzig 1924.

Frankfurter Rundschau, 5. Oktober 2007( als Aktenzeichen des Gerichtsurteils ist angegeben: 16 U 38/07).Marburger Neue Zeitung, 25. Oktober 2007( Interview mit dem Marburger Kriminaloberkommissar HerbertIttner).

32 Vgl. Alexander Demandt: Hände in Unschuld. Pontius Pilatus in der Geschichte. Köln, Wien, Weimar1999. Das öffentliche politische Leben bietet in regelmäßigen Abständen Beispiele von Händedruck-Verweigerungen. Als der französische Staatspräsident Ende Februar 2008 anläßlich eines MessebesuchsBesucherhände schüttelte, soll ein Mann die Berührung verhindert haben mit den Worten: ,, Faß mich nichtan, du machst mich schmutzig!" Vgl. z. B. Frankfurter Rundschau, 26. Februar 2008.

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