Martin Scharfe
Äußere Kontinuität, also Kontinuität des Materiellen und der Gestalt, erkauft durch Dis-kontinuität, ja Inversion des Sinnes: das ist eine These, die aus der historischen Analyse desBerg- und Gipfelkreuzes abgeleitet sein könnte. Zwar wird mancher sagen: Kreuz ist Kreuz,und manche Symbol- Lexika stützen solche Rede, wenn sie von historisch unveränderlichenBedeutungen ausgehen. Die historische Wirklichkeit aber ist, bei genauem Zusehen jeden-
Abb. 9: Das Christus- Kreuz alsZeichen des Menschen- Siegs:Gipfelkreuz auf der Hafelekar-Spitze bei Innsbruck. Fotografie1930er Jahre.
falls, anders. Denn die Analyse von Kreuzdarstellungen in der frühchristlichen Kunst( insbe-sondere der Kunst seit dem frühen 5. Jahrhundert) läßt unschwer die Bedeutung des Kreuzesals Zeichen des Opfertods Jesu Christi erkennen und damit zugleich als Zeichen des Gottessie-ges¹7- im Berg- und Gipfelkreuz aber ist es, ganz schamlos eigentlich, zum Zeichen des Men-schensieges über die Natur geworden( weshalb es ja auch in der Frühgeschichte des Alpinismusnur vereinzelt und erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts massenhaft auftritt). 18 Die- wenn man so, moralisch' etikettieren darf-, ehrlichen' Zeichen des Menschensiegs über denBerg aber sind Steinmann und Vermessungszeichen.
Das Gipfelkreuz, das eindeutig in der formalen Tradition des christlichen Kreuzzeichenssteht, läßt also erst bei genauerem Hinblicken die innere Umnutzung erkennen- einen Be-deutungswandel, der in anderen Prozessen der Umnutzung augenblicklich ins Auge springt( Abb. 9). Schon die gewöhnliche Umnutzung von Gebäuden zeigt- bei formaler Authentizi-tät- zum Teil erheblichen Bedeutungswandel. Gerade die überflüssig werdenden Kirchenge-bäude und die zunehmende, Markt'- Orientierung der Institution Kirche bieten aufschlußrei-che Beispiele, von denen ich drei ganz rasch, fast nur im Vorüberhuschen, erwähnen will. DieKirche, in der ich einst getauft worden bin- ein mit einem für württembergische Verhältnisseüppigen Barock ausgestattetes, ganz auf protestantischen Kultus ausgerichtetes und natürlichunter Denkmalschutz stehendes Gotteshaus-, wurde vor einigen Jahren für 1 Euro zu neuerNutzung an die griechisch- orthodoxe Gemeinde verkauft.19 Die katholische Kirche St. Josephin Amsterdam wird heute als Kletterhalle genutzt.20 Und aus der Dorfkirche im polnischenDalikow sollte nach der Versteigerung ein Bordell werden.21
17 Vgl. z. B. Venelina Landgraf: Das Kreuz im ersten Jahrtausend: autonomes Zeichen, Symbol und Attribut. In:Peter B. Steiner u. a.( Hg.): Kreuz und Kruzifix. Zeichen und Bild. Freising, Lindenberg im Allgäu 2005, S. 42-49.18 Vgl. Martin Scharfe: Berg- Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpinismus 1750-1850. Wien, Köln,Weimar 2007, insbes. S. 268-275.
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Es handelt sich um die Nikolauskirche in Waiblingen.20 Vgl. Frankfurter Rundschau, 11. November 2006.21 Vgl. Süddeutsche Zeitung, 19. November 2003.
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