Martin Scharfe
das definierbar ist ,,, was keine Geschichte hat"- dann ist Kulturelles Erbe nicht definierbar.Man täte folglich gut daran, dem Problem nicht eine Logik abzuzwingen, die es nicht hat. Ichversuche mich also dem Problem ambulierend zu nähern, ich umkreise es- auf die Gefahr desVersteigens und Verirrens hin, das keines wäre.
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Abb. 3: ,, Ein miẞglückterSchlittschuhlauf." Zeichnung
von Paul Flora, 1995.
1. Keine Kultur ohne Materialität
Auslöschung des Substrats
Die erste Überlegung beobachtet die Auslöschung des Substrats- des Substrats, das wir unshilfsweise als einen für sich selbst eigenschaftslosen stofflichen Träger kultureller Eigenschaf-ten denken: wie einen Menschen, der einen Leib hat, aber auch denkt, spricht, Wissen hat,Kunstfertigkeiten ausübt undsoweiter, oder wie ein Material( Holz, Papier, Film, Festplatte),das Informationen enthalten und kulturelle Werte vermitteln und zum Ausdruck bringenkann( eine chemische Formel, ein Herbstgedicht, eine Zeichnung). Wenn nun das materielleSubstrat zerfällt oder zerstört und ausgelöscht wird, geht auch der kulturelle Sinn, den es trug,dahin. Paul Floras Zeichnung von 1995( ich beginne den Hauptteil meines Referats ganzbewußt mit dieser Innsbrucker Hommage)-„ Ein miẞglückter Schlittschuhlauf"- zeigt dasschön: der Läufer bricht ein, versinkt, kommt zu Tode; er wird nie wieder diese zart- eleganteSpur legen, die wir eine Weile noch genießen können; doch wenn das Eis schmilzt, schmilztauch diese Linie dahin.6( Abb. 3)
Mein zweites Beispiel ist ganz anderer Art. In der Elisabethkirche zu Marburg an der Lahnist bis heute einer der schönsten mittelalterlichen Schreine zu sehen: der Totenschrein derheiligen Elisabeth. Aber der Schrein ist leer. Als der hessische Landgraf sich der ReformationLuthers angeschlossen hatte, die Wallfahrt zum Grab seiner Vorfahrin Elisabeth aber keines-
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Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral( 1887). In: ders.: Kritische Studienausgabe, hg. von GiorgioColli und Mazzino Montinari. 2. Aufl. München, Berlin, New York 1988. Band 5, S. 245-412; hier: S. 317.Abb. in Paul Flora: Zeichnungen 1938-2001. Wien 2002, o. P.- Die Pointe dieses Beispiels- daß nämlichFlora die Kunst- Spur noch rechtzeitig dem Gedächtnis eines anderen Substrats( nämlich dem Papierund dem Buch) anvertraut hat, das wesentlich schwerer auszulöschen ist- muß uns im Augenblick nichtinteressieren.
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