Druckschrift 
Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung : Positionen, Verbindungen und Perspektiven ; Beiträge der Tagung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und des Vereins für Volkskunde/Österreichisches Museum für Volkskunde in Wien vom 23. bis 25. November 2006
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

2007, Heft 2-3

In Geschichten verstrickt

301

Bub erzählte, dass das Kindermädchen eine andere Theorie zumBesten gegeben habe, nämlich die vom Storch. ,,, Das ist nur eineGeschichte erwiderte sie( die Mutter). Die S.- Kinder haben mirgesagt, dass nicht der Osterhase zu Ostern da war, aber das Fräuleindie Sachen im Garten versteckt hat.', Sie haben vollkommen rechtgehabt erwiderte sie.-, Nicht wahr, es gibt keinen Osterhasen, dasist nur eine Geschichte?'-, Gewiß.-, Und gibt es auch keinenWeihnachtsmann?'-, Nein, den gibt es auch nicht.'-, Und wer bringtund richtet den Baum?'-, Die Eltern.'-, Und Engel gibt es auchnicht, das ist auch nur eine Geschichte?"-, Nein, es gibt keine Engel,das ist auch nur eine Geschichte. Es war gewiß eine nicht leichterkaufte Erkenntnis, als er nach Abschluß dieses Gesprächs nacheiner kurzen Pause fragte:, Aber nicht wahr, Schlosser, die gibt es,die sind wirklich? Wer würde denn sonst den Kasten reparieren?*** 16Man kann also durchaus die Wahrheit, sogar die wissenschaftlicheWahrheit über den menschlichen Sexualverkehr sagen und doch beimKind keinen Glauben finden. Was Melanie Klein hier beschreibt,könnte als ein Aspekt der Entzauberung der Welt verstanden werden,den Max Weber in Zusammenhang mit der Entwicklung des kapita-listischen Rationalismus darstellte: Es gibt keine Kinder bringendenStörche, keine Osterhasen, keinen Weihnachtsmann und keine En-gel- das sind nur so ,, Geschichten". Es gibt eigentlich nur die Elternund deren Angestellte. Verglichen mit der Poesie des Osterhasen, istdie Nüchternheit der elterlichen Gestalten langweilig. Die Geschich-ten wären als ein Produkt der poetischen Phantasie zu interpretieren,die in der Wissenschaft zu kurz kommt. Gegenübergestellt werdendie moderne Wissenschaft und ihre Theorien der Welt der( alten,kindlichen) Phantasie und der Dichtung.

Man kann es aber auch anders sehen. Was dem Kind als wissen-schaftliche Erklärung angeboten wird, ist für es unbefriedigend. Undaus dieser Unbefriedigtheit heraus sucht das Kind nach neuen Ge-schichten, die aber wieder nicht befriedigend sind. Warum? Was istso unbefriedigend? Ich denke, dass es das Problem der Praxis, derLebenserfahrung ist. Das Kind will nicht nur wissen, woher dieKinder kommen, es möchte auch selber welche machen. Die Erwach-senen, die Autoritäten, erklären und erklären- aber es geht doch umsMachen. Nun ist das Kind als Kind noch gar nicht in der Lage, Kinder

16 Ebd., S. 28-29.