Druckschrift 
Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung : Positionen, Verbindungen und Perspektiven ; Beiträge der Tagung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und des Vereins für Volkskunde/Österreichisches Museum für Volkskunde in Wien vom 23. bis 25. November 2006
Entstehung
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2007, Heft 2-3

In Geschichten verstrickt

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ihrer Hilfe beunruhigende Erfahrungen zu verarbeiten( etwa als Teilmeiner Identität), zu neutralisieren( es ist nichts Entscheidendesgeschehen), zu verleugnen( es ist eigentlich nichts passiert), oder zuverneinen( nicht das- jenes ist passiert; oder: nicht ich, sondern auchder andere...). Am Anfang stehen also spezielle, beunruhigendeErfahrungen, die einem nicht einmal besonders bewusst sein müssen.Gerade weil sie beunruhigend sind, werden sie oft an den Rand desBewusstseins verwiesen: Was ich nicht weiß, macht mich bekanntlichnicht heiß. Aber die Fragen motten so vor sich hin. Ich nehme nun an,dass Geschichten, die mit diesen Erfahrungen, bzw. mit den Fragen,die aus diesen Erfahrungen entspringen, zu tun haben, in der Regelunser Interesse wecken, während Geschichten, die weit davon ent-fernt sind, uns eher langweilen.

Für diese Art der Annäherung an den Ursprung des Erzählens vonGeschichten bietet uns Freud ein interessantes Denkmodell an, näm-lich wie das Kind seine Sexualtheorien, die ja eigentlich Geschichtensind, entwickelt.

Auch hier stehen beunruhigende Erfahrungen am Anfang: Das neuangekommene Geschwister entthront den zuerst Geborenen, dieserverliert die Aufmerksamkeit, die er zuvor genoss. Hinzu kommt, dassdas Neugeborene ein Beweis ist für die zwischen Vater und Mutterherrschende Beziehung, in die das Kind nicht einzudringen vermag:Mutter und Vater treiben etwas miteinander, aus dem die Kinderausgeschlossen sind. Und schließlich hat die Geburt eines Kindesoffensichtlich auch etwas mit dem so merkwürdigen Geschlechtsun-terschied zu tun.

Solche Erfahrungen drängen das Kind zur Frage, woher denn dieKinder kommen, und aus diesen Fragen entwickeln sich die erstenGeschichten, die eine wichtige Funktion haben, eine Funktion, diespäter Theorien erben werden: das Beunruhigende zu verstehen undzu erklären, es denkend unter Kontrolle zu bringen. Das Kind, sagtFreud, richte seine ganze Denkkapazität auf die Lösung dieser einenFrage aus: ,, die Frage( woher die Kinder kommen) selbst ist, wie allesForschen, ein Produkt der Lebensnot, als ob dem Denken die Aufgabegestellt würde, das Wiedereintreffen so gefürchteter Ereignisse zuverhüten." ¹² Um diese Frage zu beantworten, würde sich das Kind

12 Freud, Sigmund: Über infantile Sexualtheorien( 1908). In: GW Bd. VII, S. 169-199, hier: S. 175.