224
Milan Stanek
ÖZV LXI/ 110
ben es ermöglicht, die Entstehung dieser Erscheinungsbilder alsgestörtes Zusammenspiel zwischen der Umwelt und der sich ent-wickelnden psychischen Organisation im frühkindlichen Lebensab-schnitt zu begreifen, oder aber als Folge später, extremtraumatischerSituationen, in denen die bereits erreichten Formen der psychischenOrganisation wieder verloren gegangen sind. Nach der AuffassungSigmund Freuds( 1856-1939) gibt es weder rein psychogene nochrein umweltbedingte ,, Krankheitsbilder", sondern immer eine Ergän-zungsreihe von miteinander korrelierten Erscheinungen in der orga-nischen, psychischen und sozialen Dimension. D. W. Winnicott( 1896-1971) brachte diesen Sachverhalt gut zum Ausdruck: ,, Derwichtigste Beitrag der Psychoanalyse an die Psychiatrie und diepsychiatrische Klassifikation ist die Zerstörung der alten Vorstellungvon geschlossenen Krankheitsbildern." 8
Wir brauchen hier nicht die Fortschritte der psychoanalytischenArbeit mit den Psychosen und mit schweren Charakterstörungen zuschildern. Es ist eine lange Geschichte, die mit Freud selbst im altenÖsterreich beginnt und von seinen engeren Mitarbeitern Paul Federn( 1871-1950) und Sándor Ferenczi( 1873-1933), und von AugustAichhorn( 1878-1949), Siegfried Bernfeld( 1892–1953) und RudolfEkstein( 1912-2005) weiter getragen wurde, später in Amerika undin England. Ernst Federn( geb. 1914), der Sohn von Paul Federn,schreibt: ,, wirklich entwickeln konnte sich die psychoanalytischeSozialarbeit erst während des Zweiten Weltkrieges, als viele Psycho-analytiker und Sozialarbeiter als Praktiker, Supervisoren und Konsu-lenten in den großen amerikanischen Sozialverbänden tätig waren."Der alte Buchenwald- Häftling, der er war, liebte es beizufügen:,, Diese Entwicklung der psychoanalytischen Sozialarbeit in den USAverdankt sich dem nationalsozialistischen Terror in Europa."
Wenn ein zehnjähriger Bube seine Mutter mit einem Küchenmes-ser so sehr bedroht, dass diese Mutter die Polizei ruft- offensichtlichkann sie sich im Moment nicht anders schützen-, wird das Kindzunächst mit größter Wahrscheinlichkeit psychiatrisch untersucht.Wenn es seine Angriffe fortsetzt, wird es mit Psychopharmaka behan-
8 Winnicott, D. W.: Gibt es einen psychoanalytischen Beitrag zur psychiatrischenKlassifikation?( 1959). In: ders.: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Stu-dien zur Theorie der emotionalen Entwicklung. Frankfurt am Main 1984, S. 170-171.
9 Becker, Ulrike u.a.: Chaos und Entwicklung( wie Anm. 7), S. 32.