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Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung : Positionen, Verbindungen und Perspektiven ; Beiträge der Tagung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und des Vereins für Volkskunde/Österreichisches Museum für Volkskunde in Wien vom 23. bis 25. November 2006
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2007, Heft 2-3

Freud im 21. Jahrhundert

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Was macht's? Die tiefe Struktur der Falschheit( duplicity), die alles,was Vico die ,, Welt der Nationen nannte, infiltriert, wird nun alsNorm akzeptiert. Während der heutige Fokus auf Geschlecht, Rasse,sexuelle und ethnische Identität sehr wohl kritischen Charakter be-sitzt, ist dieser Inhalt insofern schwach, als er partiell und selbstinter-essiert ist. Es fehlt typischerweise an dem, was einst so mächtig inder Psychoanalyse war, das Streben nach Universalität undeinen weiteren, großen österreichischen Schriftsteller Rudolf Carnapzu zitieren die Überzeugung, dass, wenn auch ,, das Gewebe desLebens nie vollständig verstanden werden kann... wir nichtsdesto-trotz immer nach den großen Linien suchen müssen, die das Ganzedurchlaufen". Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass dieAuflösung der großen psychoanalytischen Synthese, ihre Transfor-mation in eine Reihe von getrennten, nicht miteinander in Verbindungstehenden Einzelprojekten, die Zerstörung ihres kritischen Charak-ters darstellt.

Hier ist nun unser Problem: wie können wir den zwiespältigenCharakter der Psychoanalyse erklären- ihre Affinität mit kritischenTendenzen und Bewegungen in der einen Periode und ihre leichteAbsorbierbarkeit in Konsumkultur, Szientismus und zynischer Ver-nunft in einer anderen? In ,, Secrets of the Soul" habe ich als Annähe-rung an eine Lösung den Vergleich der Freudschen Epoche mit derProtestantischen Reformation vorgeschlagen. In beiden Fällen wur-den Männer und Frauen davon freigesetzt, was man als die ,, norma-len" Formen kollektiven, spirituellen und psychologischen Heilsbezeichnen könnte. In beiden Fällen war die radikale, geistige Isolie-rung des Individuums mit einer sozialen Transformation verbunden.Die Stärke beider, des Kalvinismus wie der Psychoanalyse, lag in derkompromisslosen Art, in der sie trans- historische Dilemmas dermenschlichen Seele ansprachen. Dennoch spielten beide eine kataly-tische Rolle, indem sie ganz spezifische, historische Veränderungenauslösten. Im Falle des Kalvinismus stellte diese Veränderung dieGeburt des Kapitalismus dar. Psychoanalyse im Gegensatz dazudiente als der ,, Kalvinismus" des Massenkonsums. Sie stellte eineimmanente Kritik der Protestantischen Ethik zu einer Zeit bereit, alsdiese Ethik dysfunktional geworden war. Sie mäßigte das, was MaxWeber mit der Protestantischen Ethik in Verbindung brachte: derenAsketentum, ihre Zwanghaftigkeit und Heuchelei. Der Vergleichzwischen Kalvinismus und Psychoanalyse bietet eine teilweise Ant-