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Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung : Positionen, Verbindungen und Perspektiven ; Beiträge der Tagung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und des Vereins für Volkskunde/Österreichisches Museum für Volkskunde in Wien vom 23. bis 25. November 2006
Entstehung
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Martin Scharfe

ÖZV LXI/ 110

2. Was heißt: Oberfläche?

Der, zugefrorene See' ,, glatte Oberfläche: was- nun in Beziehunggesetzt zu Kultur-, was hieße das?, Glatte Oberfläche' meint ja: derBlick wird irritiert und weggepiegelt ,, Eis auf dem See' meint: derBlick ist blind, er kann nicht eindringen. Der Ausdruck, Kultur alsOberfläche' will also sagen- und das ist ein höchst theoretischer Satzmit unermeßlichen methodologischen Folgen- Kultur ist Verhül-lung, Verschleierung, Verkleidung, Maskierung.

Alltagsbeispiele, die die Metapher, kulturelle Verhüllung' an-schaulich machen, sind rasch bei der Hand: die Kleidung etwa, diemeinen Körper dem öffentlichen Blick entzieht; das Haus, das mirIntimität jeglicher Art ermöglicht; Tätigkeiten wie die Nationalhym-ne mitsingen, das Vaterunser mitmurmeln, eine schwarze Trauerkra-watte tragen: alles gebräuchliche Handlungen, die mir erlauben,meine wahren Gesinnungen zu verbergen( oder die mir ersparen, mirund anderen Rechenschaft über meine wahren Gesinnungen zu ge-ben); die Sprache des Alltags, die so tut, als sei etwas gesagt; deröffentlich ins Bild gesetzte Händedruck der Politiker und Bosse,dessen Skopus Einvernehmen und Vertrauen und Bekräftigung desVersprechens sein soll- dabei wissen wir doch alle, was hinter einemHandschlag sich verbergen kann: das geht von der innigsten eroti-schen Berührung bis zum kältesten Affront von Lüge, Tücke, Verrat,Betrug.

Das späte 18. Jahrhundert hat das unter der Chiffre Verstellungdiskutiert, wie man an des Freiherrn Adolph von Knigge erstaunli-chen Buch von 1790 sieht, das fast präpsychoanalytisch anmutet mitder Formel, der Mensch sei ,, fremd in seinem eignen Hause ,,, fremdin seinem eignen Herzen"( man denkt da sogleich an Freuds Formel:der Mensch sei nicht Herr im eigenen Hause! ³); und noch um die Mittedes 19. Jahrhunderts hat Arthur Schopenhauer in das Klagelied Knig-ges eingestimmt mit einer Reihe von Alltagsbeobachtungen:, Z.B.bewimpelte und bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse, Illuminationen,Pauken und Trompeten, Jauchzen und Schreien u.s.w., dies Alles ist

2 Knigge, Adolph Freiherr von: Über den Umgang mit Menschen( 3. Aufl. Han-nover 1790). Hg. von Gert Ueding. Frankfurt am Main 1977, S. 82.

3 Vgl. Freud, Sigmund: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse( 1917). In: ders.:Abriß der Psychoanalyse. Einführende Darstellungen. Frankfurt am Main 1994,S. 185-194; hier: S. 194.