2007, Heft 2-3
Unglück und Glück
143
eine tiefe pessimistische Untergangsstimmung, eine Sehnsucht nachKörperlosigkeit und Selbstauflösung." 47
Meint Selbstauflösung die Sehnsucht nach oder die Verzweiflungan Einsamkeit oder die Sehnsucht nach dem ozeanischen Gefühl derVerschmelzung?
-
Freud ,, kann das ozeanische Gefühl nicht in sich entdecken", sagter in ,, Das Unbehagen in der Kultur" 48. Damit bezieht er sich aufseinen Freund Romain Rolland und dessen Arbeiten zu einer fernöst-lichen Spiritualität, in der„, das Gefühl einer unauflösbaren Ver-bundenheit, der Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen der Außen-welt" erscheint. Er, Freud, distanziert sich oder sein von einemintellektuellen Über- Ich gelenktes Ich von diesem ,, Gefühlston",um, und das ist entscheidend, in einer ,, intellektuellen Einsicht seintatsächliches Vorkommen bei anderen nicht bestreiten zu können“.Die Anderen, das sind die auf der Couch des schweigenden Psycho-analytikers. Als Anthropologin habe ich mich nicht schweigend denerzählenden Klienten zugewandt, sondern, so dachte ich, Dialoge mitmeinen Gesprächspartnern und-partnerinnen in einem intellektuellenMilieu, in dem sich die durchaus zumeist akademischen New Age-Anhänger sehen, zu führen versucht. Doch auch ich konnte dasozeanische Gefühl in mir nicht entdecken. Und im Gegensatz zuFreuds distanzierter und tolerierender, immer intellektueller Einsicht,hat mich das ozeanische Gefühl dieses Neuen Zeitalters als Verrat andem Kulturziel Überleben durch soziales Handeln gestört.
,, Anthropologie als Kritik" war der Untertitel meines 1990 erschie-nenen Buchs ,, Neues Zeitalter oder Verkehrte Welt“. Dort gehe ichauf den kulturellen Tod der Menschen ein: ,, Kultur ist die Fähigkeitder Menschen, ihr gesellschaftliches Dasein in materialer, sozialerund ideationaler Hinsicht sinnvoll, und das heiß lebenserhaltend, zugestalten. Diese Fähigkeit aber muß entfaltet werden, bedarf derGegenseitigkeit und der Verantwortung in einem Haushalt des Le-bens, bedarf jener ökologischen Vernunft, die auf das Ganze zielt undden Einzelnen beteiligt. Kultur ist die Teilhabe an der Gestaltung vonsozialem Leben in Bedeutungsfülle. Menschliche Natur, menschli-ches Wesen trägt kulturelle Kompetenz in sich. Die Expertenversor-gung mit, Kulturplanung, den Zwang zum Konsum von, Kultur', die
47 Raeithel: ,, Go West"( wie Anm. 45), S. 49.
48 Freud: Das Unbehagen in der Kultur( wie Anm. 4), S. 198.