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Elisabeth Katschnig- Fasch
ÖZV LXI/ 110
methodischen Potenziale der unterschiedlichen Zugänge fruchtbarwerden zu lassen. Die Tagung ist dem Eigen- Sinn verschrieben,Inspirationen zu gewinnen, disziplinäre Grenzen und Demarkations-linien abzubauen und Übergreifendes zu denken- nach dem immeraktuellen Auftrag Freuds Anderes in Eigenes, Fremdes in Vertrauteszu übertragen. Dazu brauchte es auch einen realen, symbolisch pas-senden Ort, der allerdings nicht auf universitärem Boden zu findenist, weil der die Fachbereiche und Disziplinen immer mehr trennte alsverband. Das Österreichische Volkskundemuseum als Haus der krea-tiven kulturellen Äußerungen des Alltages, der Geschichte undErinnerung stellt hingegen einen solchen Ort dar, der wunderbargeeignet ist, den reflexiven Auftrag unseres verbindenden kulturwis-senschaftlichen Interesses zu tragen.
Von Anfang an empfahl Sigmund Freud die Psychoanalyse wegenihres Interesses an den Zusammenhängen in der Kultur ,, nicht als nurTherapie, sondern als allgemeine und als spezielle kulturanthropolo-gische Erkenntnisweise“. Immer ging es ihm um das Verhältnis derKultur zum Unbewussten, einmal als Reservoir der Möglichkeitenund der Kreativität, das andere Mal als Orkus, in dem alles ver-schwindet, was nicht zugelassen wird, wie dies in seinen Arbeiten,, Zur Psychopathologie des Alltagslebens"( 1902) oder„ Der Witzund seine Beziehung zum Unbewussten“( 1905) ausgeführt wird. Dieunauflösliche Verbindung vom Seelenleben und Gesellschaftlichenhat er gemeint, als er Übertragungen und Sublimierungen themati-sierte, die alle Bereiche der Kultur durchdringen- ,, a key to thedeepest problems of civilization"( Ernest Jones). Wenngleich sich diePsychoanalyse Freuds nicht direkt auf die politische oder die sozialeHerrschaft in modernen Gesellschaften bezieht, sondern auf die in-neren Voraussetzungen, so hat sie einen entscheidenden Beitrag zummodernen Verständnis von Kultur geleistet, einer Kultur, die sich inallem ausdrückt, in Sichtbarem wie im Unsichtbaren: Kultur alszeitspezifischer Prozess, in den der einzelne Mensch mit seinenAbhängigkeiten, Bedürfnissen, seinen Defiziten, Wünschen, Äng-sten, Widerständen und alltäglichen Konflikten eingespannt ist. Freud
1 Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich- Analyse( 1921). In: Freud, Anna,Ilse Grubrich- Simitis( Hg.): Werkausgabe Bd. 2/2. Frankfurt am Main 1978,S. 427-482, hier: S. 427. Dazu auch Schülein, Johann August: Zum Schicksalder analytischen Sozialpsychologie. In: Werkblatt. Zeitschrift für Psychoanalyseund Gesellschaftskritik 1996, S. 95-107.