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Kulturanalyse - Psychoanalyse - Sozialforschung : Positionen, Verbindungen und Perspektiven ; Beiträge der Tagung des Instituts für Europäische Ethnologie der Universität Wien, des Instituts für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Graz und des Vereins für Volkskunde/Österreichisches Museum für Volkskunde in Wien vom 23. bis 25. November 2006
Entstehung
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Margot Schindler

ÖZV LXI/ 110

ihrem Wortschatz so tief in die Alltagssprache eingedrungen wie diePsychoanalyse. Keine Philosophie hat so sehr das Bewusstsein derMenschen in Bezug auf sich selbst und in Bezug auf die Gesellschaftverändert. Und kaum ein Wissenschaftler ist so oft in seiner eigenenPerson zu einer Kultfigur geworden in Repräsentationen von Kunstund Medien und selbst in der Popularkultur.' Zentral für unser FachVolkskunde/ Europäische Ethnologie/ Kulturanthropologie ist dieStellung Sigmund Freuds als ,, Teil des Experimentierfelds der Mo-derne im Wien der Jahrhundertwende".2

Hier, im Wien der Jahrhundertwende, bewegte sich Freud in einemNetzwerk von verschiedensten intellektuellen Strömungen, zu denendamals auch das junge, aufstrebende Fach Volkskunde gehörte. Freudbezog sich in seinen Argumentationen immer wieder auf ,, die Wege,die einst in alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat,und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute nochSprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen".³

Umgekehrt gab es Philologen, Historiker und auch Mediziner- diesich von ihren ursprünglichen Fächern ab- und dieser neuen DisziplinVolkskunde zugewandt hatten- die sich im engeren Umfeld Freudsbewegten oder zumindest seine Thesen und Werke rezipierten. Hiergab es Austausch und Berührungspunkte und in diese Zeit und diesesMilieu datiert auch die Gründung und der anfängliche rasche Aufstiegdes Österreichischen Museums für Volkskunde, das nicht ganz zufäl-lig als Tagungsort dieser Veranstaltung fungiert.

Das Museum wurde in jenem Jahr 1895 gegründet, in dem Sig-mund Freud zusammen mit seinem Kollegen Josef Breuer das erstebedeutende Werk, die ,, Studien über die Hysterie" publizierte, in demseine Tochter Anna als sechstes und letztes Kind in der Geschwis-terreihe geboren wurde, und ein Jahr bevor zum ersten Mal derTerminus Psychoanalyse im wissenschaftlichen Diskurs auftauchte.

Das Museum und der dieses bis heute rechtlich tragende Verein fürVolkskunde entstammen geistesgeschichtlich der AnthropologischenGesellschaft in Wien, in deren ,, Mitteilungen etwa der FolkloristFriedrich Salomo Krauss publizierte, der so engagierte wie geschei-

1 Vgl. Reinhard Urbach in: Programmflyer ,, Das sind wir! Sind wir das? LangeNacht mit Sigmund Freud", MAK Wien, Programm Stand 1. Juni 2006.

2 Kunststaatssekretär Franz Morak in: Programmflyer( wie Anm. 1).

3 Freud, Sigmund: Die Traumdeutung( 1900). GW II, Frankfurt am Main 1999,S. 352.