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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
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Brauch und Tracht

Die Tracht in volkskundlicher Bewertung

> 1992

1. Positionierung

Volkskunde beschäftigt sich mit Tracht. Sie hat sich dabei auch einige Kompetenzerworben. Das hat allerdings dazu geführt, daß man die Volkskunde heute auf Trach-tenforschung fixiert. Es kam geradezu zu einer Gleichsetzung: Volkskunde= Tracht.

Diese Einengung widerspricht aber dem heutigen Selbstverständnis der Volks-kunde. Die Volkskundler( innen) verweigern sich daher auch immer häufiger diesemAnspruch, was umgekehrt bei den Trachtlern" Irritationen auslöst. Es herrscht dem-nach eine Reihe von Mißverständnissen vor, die es auszuräumen gilt. Die Sommer-akademie, die Praktiker wie Theoretiker zusammenführt, bietet dazu eine günstigeGelegenheit.

Wie bei jeder Wissenschaft gibt es auch in der Volkskunde bei der Betrachtungihres Gegenstandes, den man mit Volkskultur, Alltagskultur oder allgemein mit Kulturbenennen kann, unterschiedliche Standpunkte. Früher beschränkte sich die Volkskun-de weitgehend darauf, die Kulturmuster der bäuerlichen Gesellschaft zu untersuchen.Sie wollte das Beständige, Ungebrochene, das Althergebrachte retten, bewahren, zu-mindest vor dem Untergang festhalten. Sie suchte jene Besonderheiten, in denen siejahrtausendealte Traditionen erfassen zu können glaubte.

Inzwischen hat sich ihr Interesse aber in sozialer wie in zeitlicher Hinsicht er-weitert. Sie hat erkannt, daß die Kultur, und natürlich auch die Volkskultur, einemständigen Wandel unterworfen ist. Sie sucht nicht mehr die statischen Kräfte, sonderndie dynamischen Vorgänge innerhalb der kulturellen Entwicklung zu erfassen. Sie hatsich, um mit dem Titel von Hermann Bausingers Einführung in die Volkskunde zusprechen ,,, Von der Altertumskunde zur Kulturanalyse" entwickelt. Mit anderen Wor-ten: Volkskunde analysiert den Wandlungsprozeß regionaler Kultur.

Den Zugang zur Kultur bilden primär die Gegenstände. Das heißt, die Volkskun-de versucht anhand von Objektivationen( dazu zählen nicht nur dreidimensionaleObjekte, sondern auch Handlungen, Bräuche, Riten und Symbole) auf den Träger derKultur zu schließen. Die Beschäftigung mit den Gegenständen ist also nicht Selbst-zweck, sondern stets auf den Menschen gerichtet, um seine Wertvorstellungen undHaltungen zu ergründen. Dabei hat die Volkskunde möglichst wertfrei und offen zusein. Sie sollte sich bei ihrer wissenschaftlichen Analyse nicht von Glaubenssätzeneinengen lassen.

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