Druckschrift 
Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
Seite
350
Einzelbild herunterladen
 

SACHEN, ARTEFAKTE, MUSEUMSDINGE

Hirschgeweihe auf dem Stephansdom

und andere Merkwürdigkeiten rund um den Hirsch

Das Geweih ist gegen den Blitz. Diese Meinung findet sich unter dem Stichwort Hirsch" in einem Beitrag über den Wiener Kinderglauben, der in mehreren Folgen inder Wiener Zeitschrift für Volkskunde publiziert wurde( 1927: S. 29, 78; 1928: S.6, 45, 89, 134; 1929: S. 25, 61, 93). Diese Zusammenstellung stellt die Frucht einer25- jährigen Sammeltätigkeit von Sprüchen und Meinungen von Kindern in WienerPflichtschulen dar, die Oberlehrer Leopold Höfer aufzeichnete. Es handelt sich dabeium ein Wissen, das Kindern von den Erwachsenen übermittelt wurde und von Ge-neration zu Generation weitergegeben worden war. Für das eingangs erwähnte Zitatgibt es einen historischen Hintergrund: Auf der Spitze des Turmes von St. Stephanbefanden sich einst Geweihe, die diesen vor Blitzschlag schützen sollten. Diese Tatsa-che fand sogar in Wiener Sagenbüchern ihren Niederschlag. Hirschgeweihen schriebman diese Schutzfunktion zu, weil- so sagte man- noch nie ein Blitz einen Hirschgetroffen habe. Jedenfalls scheint diese Meinung der Grund dafür gewesen zu sein,dass nach einem verheerenden Brand des Stephansdomes, der durch einen Blitz ver-ursacht worden war, acht Hirschgeweihe am Turm befestigt wurden. Wir erfahrendavon aus einer von Geusau mitgeteilten Urkunde vom 2. Oktober 1551. Darin heißtes: Bürgermeisters und Raths befahl an Herrn Christoph Enzianer, des inneren Rathsund Ober Stadt Kämerer, Dem herrn Obersten Jägermeister der niederösterreichischenLande, herrn Erasmen von Lichtenstein zu karnaydt ein Dryling guten Most in dreinVaslein im Namen gemeiner Stadt zu verehren. Nachdem dieser acht Hirschen- Ge-stiemk gutwillig dargegeben, welche auf den St.- Stephans- Turm oben auf die achtSchäft oder Eck angemacht worden, die für die Einschlagung des wilden Feuers undDonners dienstlich sein sollen."( nach Viktor Flieder, siehe unten)

Im 18. und 19. Jahrhundert wird noch mehrfach über die Hirschgeweihe von St.Stephan berichtet. Bilddokumente bestätigen diese literarischen Quellen.

Darstellungen von Cornelius van Dalen und Salomon Kleiner aus den Jahren1645 und 1724 zeigen vier Hirschgeweihe am hohen Turm. Auch wenn der HistorikerJoseph Freiherr von Hormayr( 1781-1848) die Hirschgeweihe noch 1824 beschreibt,dürften sie bereits bei einer notwendig gewordenen Restaurierung des Turmes in denJahren 1810-1816 und nicht erst 1839/40 abgenommen worden sein, als die Turmspit-ze wegen Baufälligkeit abgetragen und neu errichtet wurde, wie Viktor Flieder in sei-nem Beitrag Die Hirschgeweihe von St. Stephan in Wien"( Österreichische Zeitschriftfür Volkskunde, 1966, S. 261-266) meint.

350