ÜBER DIE GANZ ORDINÄREN" PRODUKTE. ERZEUGNISSE AUS HAUSINDUSTRIE UND MANUFAKTUREN
das Schnitzen zu einem Nebenerwerb wurde.34 Von 1800 bis 1845 stieg die Zahl derHolzschnitzer im Grödnertal von ca. 300 auf 2500. Im Bericht über die dritte Gewer-be- Ausstellung in Wien im Jahre 1845 heißt es:„ Das Thal von Gröden( ital. Garde-na, grödnerisch Gördeina), 7 Stunden von Botzen entfernt, ist vorzüglich wegen derBildschnitzerei bekannt welche von den Einwohnern aus dem Holze der Zirbelnuss-Kiefer( Pinus Cembra) und anderer Bäume meistens an Winterabenden angefertigtund zu Tausenden nach ganz Europa verschickt werden. Man schätzt die Bevölkerungdes Thales auf 3500 Einwohner( von welchen sich beiläufig 2500 obiger Beschäfti-gung widmen), die Production an Holzwaaren auf 2730 Center, und ihren Werth auf120 000 fl C.M., wovon 4/5 nach dem Auslande ausgeführt werden. Es sind dortbei 600 Drehbänke im Gange, welche die Nachfrage kaum zu befriedigen im Standesind." 35 Der Vertrieb lag in den Händen der Grödner Hausierer, die wegen der langenWegstrecken um 1800 bereits ein weites Netz an Niederlassungen errichtet hatten. 36
Löffel und Kämme
Zu den klassischen Sammelobjekten der nachmaligen Volkskunst gehören auchdie„ Sterzinger Löffel". Die eingravierten und schwarz eingeriebenen Verzierungen„ geben diesen nationalen Kunstprodukten", wie sich Karmarsch auszudrücken beliebt,„ ein sehr artiges und gefälliges Ansehen".37 Wie die Motive zeigen, handelt es sichdabei um keine gewöhnlichen Löffel, sondern um Patengeschenke oder allgemein umLiebesgaben. Die große Anzahl derartiger Hornarbeiten, zu denen auch die Pulver-hörner gerechnet werden müssen, die in allen einschlägigen Sammlungen vorhandensind, läßt darauf schließen, daß es ehemals eine beträchtliche Produktion gegebenhaben muẞ. In der Volkskunst galten diese Erzeugnisse als anonym, doch dank desFabriksprodukten- Kabinetts gibt es nicht nur eine Mustertafel von Sterzinger Horn-löffeln, sondern wir kennen dadurch auch zwei Hersteller, nämlich Joseph Heißler zuSterzing und Michael Pfurtscheller in Fulpmes.
Horn, Schildpatt, aber auch Elfenbein wurde jedoch insbesondere von denKammachern und Bürstenbindern verwendet, hiervon weist das Kabinett eine nichtunbedeutende Sammlung auf. 38 Wie aus der Aufzählung der Einsender hervorgeht,bildete Wien ein Zentrum dieses Gewerbes. Durch ein ebenso mühsames wie kunst-volles Verfahren gelang es etwa dem Wiener Franz Auer, Kämme zu erzeugen, dieaus mehreren Stücken zusammengelötet waren, aber so, daß die Lötstellen nicht zuerkennen waren. Franz Auer beherrschte auch eine Ausschneidetechnik, bei der gleichzwei Kämme aus einem Stück Horn entstanden. An den Kämmen von Victor Valadierbewundert Karmarsch die außerordentliche Länge und an denen von Franz Findling
34 Demetz, Marina: Hausierhandel, Hausindustrie und Kunstgewerbe im Grödnertal. Vom 18. bis zum begin-nenden 20. Jahrhundert(= Tiroler Wirtschaftsstudien 38). Innsbruck 1987.
35 Bericht 1845, S. 686ff.
36 Demetz( wie Anm. 34), S. 21ff.
37 Karmarsch( wie Anm. 1), S. 97.
38 Ebd. S. 94ff.
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