Wenn Weihnachtskrippen erzählen
Aus der Sammlung des Wiener Volkskundemuseums
> 1991
In den Museumsinventaren sind Angaben über Krippen meist sehr spärlich. Dasist bei den Weihnachtskrippen aus Oberösterreich, die sich im Österreichischen Muse-um für Volkskunde befinden, nicht anders.
Unter der Inventarnummer ÖMV 67.300 liest man: Große Landschaftskrippe mitdem für das Salzkammergut typischen Gebirge aus Wurzelstöcken. Antiker Ruinenstallals Haus David bezeichnet, darüber Stadt Bethlehem, rechts von der Ruine Hirtenfeldmit Verkündigungsszene, links Häuserzeile mit Salzkammerguttypen wie„ Urberl mitder Leinwand“,„ Vater laß mi a mitgehn“,„ Tratschweiber Glossar ::: zum Glossareintrag Tratschweiber" etc. Vor der Krippe Anbe-tung der Hirten und der Hl. Drei Könige mit ihrem Gefolge. Die Krippe stammt aus derZeit um 1800. Zuletzt befand sie sich in Bad Ischl. Der Ankauf erfolgte 1980.
Im Jahr darauf konnte sie erstmals in Wien vor großem Publikum präsentiertwerden. Bei dieser Gelegenheit meldete sich eines Tages ein Herr im Museum, derangab, der vormalige Besitzer der Krippe gewesen zu sein. Es war der ehemalige Wirtvom Hotel Stein in Traunkirchen- Winkl, Josef Enichlmayr. Er hatte aus der Zeitungerfahren, daß im Museum eine Krippe aus Traunkirchen ausgestellt sei und war nunklopfenden Herzens ins Museum gekommen, um zu schauen, ob es sich dabei um jeneKrippe handelte, die sich lange in seinem Besitz befunden hatte. Überrascht mußte erfeststellen, daß es die alte Familienkrippe war, die er einst wie seinen Augapfel gehütethatte.
Wie war das möglich? Er selbst hatte die Krippe, als er nach Wien übersiedelte,seinem Sohn, dem Wirt vom„ Bayrischen Hof" in Bad Ischl, übergeben, der jedoch früh-zeitig aus dem Leben schied. Aus Not und wohl auch, weil es an der entsprechendenBeziehung fehlte, unterbreitete daraufhin die Witwe dem Österreichischen Museum fürVolkskunde ein Kaufangebot. Man war sich bald handelseins, und die 229 Teile umfas-sende Salzkammergut- Weihnachtskrippe wanderte nach Wien ins Museum.
Nun stand der alte Mann davor, fassungslos und verbittert. Als er nach ein paarTagen wieder ins Museum kam, wirkte er aber plötzlich ruhig und gelöst. Es war ihmzum Bewußtsein gekommen, daß„ seine“ Krippe nicht irgendwo privat oder gar imAusland verschwunden war, sondern daß sie im Österreichischen Museum für Volks-kunde in Wien eine neue und dauerhafte Heimstätte gefunden hatte und daß sie hierunter seinem Namen als„ Enichlmayr- Krippe" die Generationen überdauern würde.
299