VOLKSKUNST AUS OBERÖSTERREICH
Es hat demnach jedes Objekt seinen individuellen Schöpfer. Entscheidend für dieZuordnung zur Volkskunst erweist sich daher der Umstand, ob einem Gegenstand jeneForm und Funktion gegeben werden konnte, die der Mentalität des Volkes entsprach.Unter diesem Aspekt tritt die Frage nach dem Hersteller in den Hintergrund und esrückt der Verbraucher bzw. die Beziehung, die zwischen ihm und dem gestalteten Ob-jekt besteht, in das Blickfeld. Diese Beziehung basiert nicht unbedingt auf ästhetischenKriterien. Oft sind es die unscheinbarsten Dinge, die dem Menschen besonders an dasHerz gewachsen sind. Wertungssysteme der Kunst reichen daher für die Bestimmungder Volkskunst nicht aus. Vielmehr werden die Gebrauchsbedeutung, die Dingwer-tigkeit für die Wertschätzung eines Objektes ausschlaggebend. Dinge des alltäglichenGebrauches nehmen im Leben des einzelnen einen anderen Stellenwert ein als Dinge,die Repräsentation, Standesehre( Zunftzeichen, Tracht) oder Liebe ausdrücken.
Wie bereits angedeutet, hatte die„ hohe“ Stube im Vierkanthof einen höherenRang als die Wohnstube, und auch bestimmte Bezirke innerhalb des Raumes besaßeneine hervorgehobene Stellung. Der Platz um den Tisch war nicht nur hierarchisch auf-geteilt, sondern er erhielt durch die Ausgestaltung mit Kruzifix, Heiligenfiguren, Hin-terglasbildern, kreuzstichverziertem Altartuch, Wachsstöcken und Heiliggeist- Taubeneine zusätzliche Weihe. Eine ähnliche Bedeutung hatte lange Zeit die offene Feuer-stelle, bei der die Aufnahme in die Hausgemeinschaft vollzogen wurde. Die einzelnenGegenstände dienen eben nicht bloß dem Gebrauch oder der Dekoration, sondern siesind eingebunden in die Glaubenswelt, in Kult und Brauch. Das kann sich bereits beider Wahl des Werkstoffes ausdrücken. So verwendete man beim Bau der Wiegen Holz,dem schützende Wirkung zugeschrieben wurde. Durch die künstlerische Gestaltungerhalten die Gegenstände eine neue„ Dingbedeutsamkeit". Wenn die Möbelmaler mitVorliebe Madonnenbilder auf Truhen und Betten malten, dann sollte damit die ganzeirdisch- himmlische Beziehung von Liebe, Ehe und Mutterschaft zum Ausdruck ge-bracht werden, deren Erfüllung die Braut mit ihrer neuen Aussteuer erhoffte. ÄhnlicheGedanken knüpften sich an das verzierte Brautschaff, den bestickten Tabaksbeuteloder das bemalte Osterei. Die verwendeten Zeichen und Symbole( auch die Farbe)waren in ihrer Bedeutung allgemein bekannt und verständlich: Herz, Anker, Vogel,Lebensbaum, Blume, Spirale, Mensch und Tier. Sie wurden im Laufe der Jahrhundertevielfach abgewandelt und blieben dennoch immer gleich. Volkskunst ist zu einem we-sentlichen Teil Formsprache, die auf einer gemeinsamen Verständlichkeit beruht.
Im Museum scheinen die Dinge zunächst auf ihre Objektheit reduziert. Es istAufgabe der Volkskunde, ihren Stellenwert zu ergründen und diesen in der Ausstel-lung schaubar zu machen. Über die persönliche Bindung hinaus bilden die Dinge aberimmer auch Zeugen eines kulturellen Organismus. Sie sind der Schlüssel zum Ver-ständnis der kulturellen Eigenart einer Region, eines Landes. Die Volkskunstsammlungaus Oberösterreich bietet im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien dazureichlich Gelegenheit.
Aus: Kulturzeitschrift Oberösterreich, 31. Jg., Heft 4, Linz 1981, 2-8, 10 Abb.
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