VOLKSKUNST, POPULÄRE ÄSTHETIK
ler erhalten diese Objekte aber eine völlig neue Qualität. Auf diese Weise kann einschlichtes Werkzeug zum Träger verschiedener Werthaltungen werden. Entsprechenddiesem Modell schlage daher ich vor, den Begriff„ Volkskunst" nur dann zu verwen-den, wenn ein Objekt der unterprivilegierten Schicht aus der Feudalzeit, das sich zu-dem durch einen entsprechenden Stilcode auszeichnet, zum Sammelobjekt wurde. DieDekodierung dieses zweiten Daseins des Objektes bedeutet Volkskunstforschung.
Das Wesen der„ Volkskunst" liegt meines Erachtens nämlich darin begründet, daßmit ihr abgehoben von der Produzenten- und Konsumentenebene- neue Personenund Sozialgruppen in das Blickfeld gelangen, die mit ihrem Interesse an der Sacheunterschiedliche Absichten verfolgen, hinter denen bestimmte Werthaltungen stehen.Die Aufgabenstellung und Wichtigkeit einer solchen volkskundlichen Volkskunstfor-schung scheint damit hinlänglich bestimmt. Einige Schlagworte sollen das unterstrei-chen: die Rolle der„ Volkskunst" für bestimmte Teile des Adels, des Bürgertums, derJuden; innerhalb des Nationalsozialismus, des Kommunismus, der Alternativbewe-gungen etc. Dazu nur die Namen einiger bekannter österreichischer Volkskunstsamm-ler: Thronfolger Franz Ferdinand, Graf Lambert von Steyr, Graf Wilczek und Walchervon Moltheim, Konrad Mautner, Baron Edgar Spuegel, Anton Pachinger, der KünstlerHugo von Preen und seine Freunde Marie Andree- Eysn und Rudolf Kriss etc. DieseReihe läßt sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Die Geschichte des Phänomens„ Volks-kunst“ ist somit eine Geschichte der Volkskunstsammlungen, die ab der Mitte des19. Jahrhunderts beginnt und bis heute andauert, also nach wie vor aktuell ist.
Wenn Martin Scharfe den„ Kitsch" als eine ästhetische Erscheinungsform vonIdeologie nennt, so gilt das meines Erachtens genauso für die„ Volkskunst". Wie die„ Volkskunst" stellt auch der„ ,, Kitsch“ ein Konstrukt dar, weshalb der Begriff in Analo-gie zur„ Volkskunst" ebenfalls nur dann verwendet werden sollte, wenn die Populär-kunst( industrielle Massenartikel, Öldrucke, Gipsdevotionalien, Andenkenheferln etc.)ihrer primären Funktion entzogen und zum Sammelgut wurde." ¹
Die Bemühungen um eine Wiederbelebung von„ Volkskunst" gehören natürlichauch zu diesem Themenkreis. Bei den nachgemachten Hinterglasbildern, Spanschach-teln, Möbeln, den bemalten Kleiderbügeln oder Milchkannen handelt es sich aber umbewußt hergestellte„ Volkskunst“ der nachfeudalen Ära, also um eine Erscheinung desFolklorismus. Es sollte daher der Begriff„ Volkskunst“ in diesem Zusammenhang ver-mieden und etwa durch„ Folklore- Kunst“ ersetzt werden. Es gibt keine„ neue Volks-kunst“.92
91 Aggermann- Bellenberg, Ulrike( verehel. Kammerhofer) weist in ihrem Artikel„ Einige Bemerkungen zum The-ma Kitsch im Bereich religiöser Massenartikel. In: Österr. Z. f. Vk. XXXVIII/ 87( 1984), S. 30-46 auf die Wech-selwirkung von geplanter Ausstellung über Kitsch und plötzlich vermehrtem Angebot bei den Händlern hin.92 Das gilt auch für jene subkulturellen Ästhetizismen, die Gottfried Korff- wohl mit Fragezeichen- als solcheapostrophierte. Man kann zwar die nietenverzierten Lederjacken der Fußballfans als Funktionsäquivalent zuden ausgenähten Lederhosen sehen, mit Berufung auf Martin Scharfe sind diese Dinge aber nicht mit„ Volks-kunst" gleichzusetzen. Korff, Gottfried( Hg.): Volkskunst heute? Begleitband zur Ausstellung des Ludwig- Uh-land- Institutes für empirische Kulturwissenschaften. Tübingen 1986.
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