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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
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VOLKSKUNST, POPULÄRE ÄSTHETIK

ler erhalten diese Objekte aber eine völlig neue Qualität. Auf diese Weise kann einschlichtes Werkzeug zum Träger verschiedener Werthaltungen werden. Entsprechenddiesem Modell schlage daher ich vor, den Begriff Volkskunst" nur dann zu verwen-den, wenn ein Objekt der unterprivilegierten Schicht aus der Feudalzeit, das sich zu-dem durch einen entsprechenden Stilcode auszeichnet, zum Sammelobjekt wurde. DieDekodierung dieses zweiten Daseins des Objektes bedeutet Volkskunstforschung.

Das Wesen der Volkskunst" liegt meines Erachtens nämlich darin begründet, daßmit ihr abgehoben von der Produzenten- und Konsumentenebene- neue Personenund Sozialgruppen in das Blickfeld gelangen, die mit ihrem Interesse an der Sacheunterschiedliche Absichten verfolgen, hinter denen bestimmte Werthaltungen stehen.Die Aufgabenstellung und Wichtigkeit einer solchen volkskundlichen Volkskunstfor-schung scheint damit hinlänglich bestimmt. Einige Schlagworte sollen das unterstrei-chen: die Rolle der Volkskunst" für bestimmte Teile des Adels, des Bürgertums, derJuden; innerhalb des Nationalsozialismus, des Kommunismus, der Alternativbewe-gungen etc. Dazu nur die Namen einiger bekannter österreichischer Volkskunstsamm-ler: Thronfolger Franz Ferdinand, Graf Lambert von Steyr, Graf Wilczek und Walchervon Moltheim, Konrad Mautner, Baron Edgar Spuegel, Anton Pachinger, der KünstlerHugo von Preen und seine Freunde Marie Andree- Eysn und Rudolf Kriss etc. DieseReihe läßt sich bis in die Gegenwart fortsetzen. Die Geschichte des Phänomens Volks-kunst ist somit eine Geschichte der Volkskunstsammlungen, die ab der Mitte des19. Jahrhunderts beginnt und bis heute andauert, also nach wie vor aktuell ist.

Wenn Martin Scharfe den Kitsch" als eine ästhetische Erscheinungsform vonIdeologie nennt, so gilt das meines Erachtens genauso für die Volkskunst". Wie die Volkskunst" stellt auch der ,, Kitsch ein Konstrukt dar, weshalb der Begriff in Analo-gie zur Volkskunst" ebenfalls nur dann verwendet werden sollte, wenn die Populär-kunst( industrielle Massenartikel, Öldrucke, Gipsdevotionalien, Andenkenheferln etc.)ihrer primären Funktion entzogen und zum Sammelgut wurde." ¹

Die Bemühungen um eine Wiederbelebung von Volkskunst" gehören natürlichauch zu diesem Themenkreis. Bei den nachgemachten Hinterglasbildern, Spanschach-teln, Möbeln, den bemalten Kleiderbügeln oder Milchkannen handelt es sich aber umbewußt hergestellte Volkskunst der nachfeudalen Ära, also um eine Erscheinung desFolklorismus. Es sollte daher der Begriff Volkskunst in diesem Zusammenhang ver-mieden und etwa durch Folklore- Kunst ersetzt werden. Es gibt keine neue Volks-kunst.92

91 Aggermann- Bellenberg, Ulrike( verehel. Kammerhofer) weist in ihrem Artikel Einige Bemerkungen zum The-ma Kitsch im Bereich religiöser Massenartikel. In: Österr. Z. f. Vk. XXXVIII/ 87( 1984), S. 30-46 auf die Wech-selwirkung von geplanter Ausstellung über Kitsch und plötzlich vermehrtem Angebot bei den Händlern hin.92 Das gilt auch für jene subkulturellen Ästhetizismen, die Gottfried Korff- wohl mit Fragezeichen- als solcheapostrophierte. Man kann zwar die nietenverzierten Lederjacken der Fußballfans als Funktionsäquivalent zuden ausgenähten Lederhosen sehen, mit Berufung auf Martin Scharfe sind diese Dinge aber nicht mit Volks-kunst" gleichzusetzen. Korff, Gottfried( Hg.): Volkskunst heute? Begleitband zur Ausstellung des Ludwig- Uh-land- Institutes für empirische Kulturwissenschaften. Tübingen 1986.

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