ERFORSCHUNG UND BEWERTUNG VON VOLKSKUNST IN ÖSTERREICH
untersucht er aber nicht den neuen Stellenwert, den die Dinge im Museum und darü-ber hinaus in der Gesellschaft bekamen, sondern er sucht ihre regionale Herkunft, dieWerkstätten, ihre funktionelle und kulturelle Bedeutung aufzuzeigen. Die Wichtigkeitdieser Darlegungen sei unbestritten. Sie bilden gewissermaßen die notwendigen Vor-aussetzungen für jede weitere wissenschaftliche Beschäftigung. Volkskunstforschungim eigentlichen Sinn betreibt er damit aber nicht.
Auch Lenz Kriss- Rettenbeck sagt, Volkskunst sei nichts anderes als die Leistungvon Forscher- und Sammlergenerationen, die nicht kritiklos, aber begrifflich unkri-tisch, sich bei ihren ästhetischen Wertvorstellungen von Gefühl und Empfindungenleiten ließen. Er ist sich ebenfalls bewußt, daß mit Blick auf das heiter- ironische Zitatvon Leopold Schmidt die Frage eigentlich zu lauten hätte, wieso Michael Haberlandtdazu kam, gerade diese Dinge zu sammeln, und warum er sie unter dem Begriff„ Volks-kunst" zusammenfaßte. Kriss- Rettenbeck präzisiert zwar in dem folgenden Aufsatzseine Auffassung von„ Volkskunst", die aufgeworfene Frage verfolgt er jedoch nichtweiter. Er verortet die„ Volkskunst“ mit ihren unendlich vielen Strukturierungs- undBeziehungsmöglichkeiten innerhalb des durch Objekt, Subjekt und Tradition bestimm-ten Koordinatensystems weiterhin auf der Ebene der Reflexions-, Kritik- und Theo-rielosigkeit.
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„ Volkskunst" bestimmt sich aber nicht aus sich selbst. Die hier in Frage stehendenObjekte sind weder durch den schöpferischen Akt, noch durch die Funktion als„ Volks-kunst" definierbar.„ Volkskunst" bedeutet einen bestimmten Stellenwert des Objektes,beschreibt einen ganz spezifischen Umgang mit den Dingen, wenn diese aus ihrerprimären Sphäre losgelöst ein zweites Dasein erlangen. Die gedankliche Schwierigkeitbesteht dabei in dem Umstand, daß ein und derselbe Gegenstand Gebrauchsgut, Han-delsgut, Repräsentationsgut, Schmuck etc.( primäres Kulturgut) und zum anderen ebenauch als ein„ Volkskunstobjekt" gesehen werden kann.
In diesem Zusammenhang ist auf Vitantonio Russo zu verweisen.⁹⁰ In seiner Ar-beit„ Lettura dell'oggetto" liefert er nämlich ein Modell für die Bewertung der Objekte.Er unterscheidet dabei nach Gebrauchswert, Handels- o. Tauschwert, humanem Wert,historisch- evokativem Wert, symbolisch- religiösem Wert, kreativem Wert, ästhetisch-artistischem Wert, wissenschaftlichem Wert und kulturalem Wert. Der Grad des Werteshängt nach ihm von der Situation ab, in der sich das Objekt befindet: beim Besitzer,beim Antiquitätenhändler oder in einer Sammlung( Museum). Der ästhetisch- artisti-sche Wert eines einfachen irdenen Milchtopfes ist z. B. für den Besitzer praktisch null( auch für den Produzenten, der diese Ware massenhaft erzeugt), selbst der bemalteKasten gerät für die nachrückende Generation, die ihre eigenen Möbel mitbringt, ausder Mode und verschwindet in die Kammer oder auf den Dachboden. Für den Samm-
89 Kriss- Rettenbeck, Lenz: Der Hund„ Greif" und die Frage„ Was ist Volkskunst". In: Pantheon 33( 1975), S. 145-
152.
90 Russo, Vitantonio: Lettura dell'oggetto. In: Lares 46( 1980), S. 65-109. Siehe dazu Beitl, Klaus: Dinge alsZeichen. In: Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs(= Regensburger Schriften zurVolkskunde I). Regensburg 1983, S. 291-301.
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