BRAUCH, FEST, SYMBOL
Der Muttertag als volkskundliches Forschungsfeld
Die Volkskunde hat sich zum einen bereits früh, in der Folge jedoch kaum mitdem Muttertag als Brauch beschäftigt. Erst in jüngerer Zeit wird der Muttertag, nun inAnlehnung an sozialhistorische Arbeiten, wieder thematisiert.
Früh, weil bereits 1932, also etwa zehn Jahre nach der Einführung und Propa-gierung des Muttertages in Deutschland wurden im dritten Fragebogen des Atlas derdeutschen Volkskunde( ADV), der Österreich mit einschloß, unter Nummer 126 fol-gende Fragen gestellt:
a) Gibt es einen Muttertag und seit wann?
b) Wie wird der Muttertag begangen?
c) Ist der Muttertag in alle Kreise Ihres Ortes eingedrungen?
Die Kommissionsmitglieder des Atlasunternehmens waren sich aber der Unge-wöhnlichkeit ihrer Fragen bewußt, denn sie fühlten sich bemüẞigt, den Fragen nachdem Muttertag eine Erklärung anzufügen. Diese lautet:
,, Es wird vielleicht manchen Mitarbeiter befremden, daß wir unter unsere Fra-gen auch den Muttertag(...) aufgenommen haben, eine Veranstaltung, die in man-chen Teilen Deutschlands noch ganz unbekannt ist, und die, wo sie sich auszubreitenbeginnt, vielfach gerade von den Freunden der Volkskunde als etwas Fremdes undKünstliches abgelehnt wird. Gewiß wird mancher Geschäftsmann ein solches Fest,bei dem allerlei kleine Geschenke gekauft werden, mit Freuden begrüßen, und dafürwerben. Aber wenn es sich dabei nur um Geschäft und Mache handelt, könnte sich derGedanke doch nicht so schnell in weite Kreise auch der Landbevölkerung, besondersin Süddeutschland, Eingang verschafft haben.(...) Es gibt Feste aus antiker, germa-nischer und frühchristlicher Überlieferung. Warum sollte es dem sozialen Empfindender Gegenwart verwehrt sein, Träger eines neuen Festgedankens zu werden? Nicht,ob manche Leute ihre geschäftlichen Interessen hineinmengen, bleibt entscheidend.Das geschieht ja auch zu Nikolaus, Weihnachten, Ostern und anderen Festen, bei de-nen es Geschenke zu kaufen gibt. Schicksal und Gestalt des Muttertages wird vondenen bestimmt, die seinem Gedanken aus Liebe und Gemeinschaftsgeist einen tiefenmenschlichen Sinn geben." 1
1 Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft: Stand der Arbeiten am Atlas der deutschen Volkskunde(= Mitteilungen der Volkskunde- Kommission, 3). Berlin, Januar 1932, S. 42.
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