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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
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Von Kipferln und Krapfen

Wiener Jahresfeste in der Wahrnehmung der Kinder

> 1992

Für die Kinder bedeuteten die Feste des Jahres zu allen Zeiten eine willkom-mene Abwechslung im eintönigen Alltag. Das heißt, die Feste boten Gelegenheit, ander Freude und Ausgelassenheit der Großen teilzuhaben. Die Feste gehörten nämlichprimär zur Welt der Erwachsenen, an der die Kinder je nach Milieu und sozialer Stel-lung der Eltern nur am Rande partizipierten. Sie waren sozusagen bloß Adabeis. Erstim Verlauf des 19. Jahrhunderts rückten sie immer stärker in den Mittelpunkt desfamiliären Festgeschehens. Für die Kinder waren es daher nicht sosehr die Anlässe,die Gründe zum Feiern, sondern die damit verbundenen äußeren Begleitumstände,das ausgiebige Essen, die feiertägliche Kleidung oder die kleinen Geschenke, die sichin ihrem Gedächtnis einprägten. Es waren die vorgeschriebenen traditionellen Hand-lungen, die überlieferten Zeichen und Symbole, mit denen sie die Feiertage im kirch-lichen wie bürgerlichen Kalender verbanden und die die Stationen im Kreislauf desJahres markierten. Während in den bäuerlich geprägten Vororten Wiens die Kinderden Herbstbeginn etwa durch den Umgang der Weinhüter mit der Hüterkrone oderdurch die Übergabe der Martinigerte durch die Viehhirten erlebten, bedeutete, wie unsAlbert Fuchs in seinen Jugenderinnerungen um 1910 berichtet, im bürgerlich- städ-tischen Haushalt die Rückkehr aus der Sommerfrische einen wichtigen Einschnitt imJahresrhythmus. Die Wohnung war für den Empfang mit Sorgfalt hergerichtet. DieVorhänge an den Fenstern waren frisch gewaschen, die weißen Möbel im Kinderzim-mer frisch lackiert. Neue Glühbirnen strahlten aus allen Lampen. Alle Vasen enthieltenBlumen. Im Speisezimmer fanden wir auf einem Tischchen Geschenke, mit Seidenpa-pier umwickelt: Erfüllung absichtslos geäußerter, kleiner großer Wünsche. Auf demSpeisetisch stand eine Riesentorte, wie sonst nur an Geburtstagen, und eine Schüsselvoll Obst die ersten Nüsse und Weintrauben des Jahres. Die Eltern tranken Wein,die Kinder bekamen je nach Alter ein viertel bis halbes Glas. Es war eine Festlichkeit,dem Beginn eines Lebensabschnittes gewidmet. Nach dem Essen küßte uns der Vaterder Reihe nach, fragte:, Gefällt's euch wieder zu Hause?', wir sagten, Ja' und gingen,müde wie Taglöhner, zu Bett." 1

1 Fuchs, Albert: Ein Lebensbild. In: Fuchs, Albert: Geistige Strömungen in Österreich 1867-1918. Wien 1984,S. XIV/ XV.

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