HEIMAT IM VEREINDIE GEBIRGS-, TRACHTENERHALTUNGS- UND SCHUHPLATTLERVEREINE ALS STÄDTISCHES PHÄNOMEN
Reise aus den Dinarischen durch die Julischen, Karnischen, Rhätischen in die Nor-dischen Alpen" unternahm, und Joseph August Schultes, dessen 4 Bände über seine„ Reise auf den Glockner" viel gelesen wurden. Auch für die Maler gaben die Alpen einbevorzugtes Sujet ab.
Hier ist nun endlich auch der Platz, Erzherzog Johanns zu gedenken. Angeekeltvon der Gesellschaft am Hof, suchte er Einkehr und Kraft in den Bergen. Angetriebenvon romantischer Schwärmerei, von politischem( Stichwort: Alpenfestung) und wis-senschaftlichem( Stichwort: Statistik) Interesse zog es ihn zu den Menschen auf dasLand und in die Berge. Er war überzeugt, daß nur von den Alpen Rettung kommenkönne, hier fühlte er sich klar und frei, hier sah er den Urquell für ein einfaches, ge-sundes Leben. So schreibt Erzherzog Johann mit Bezug auf die Kleidung:„ Als ich dengrauen Rock in der Steiermark einführte, geschah es, um ein Beyspiel der Einfachheitin Sitte zu geben. Sowie mein grauer Rock, so wurde mein Hauswesen, so mein Lebenund Handeln. Das Beyspiel wirkte. Der graue Rock, von manchen verkannt, von denBesseren erkannt, wurde er ein Ehrenkleid und ich ziehe ihn nicht mehr aus, ebenso-wenig weiche ich von meiner Einfachheit. Lieber gebe ich mein Leben." 22
Eine ähnliche Einstellung zur bäuerlichen Kleidung wie sie Erzherzog Johannund später Kaiser Franz Joseph bekundeten, zeichnete auch die Wittelsbacher in Bay-ern aus. Die Leidenschaft für die Jagd bewog sie zur Übernahme der grau- grünenBerufstracht der Jäger. Ihr Vorbild fand viele Nachahmer und löste jenen uns allen be-kannten„ modesoziologischen Innovationsprozeß“ aus, der das Weiterleben der Trachtgarantierte. 23 Viktor Geramb stellte dazu in seinem Trachtenbuch fest, daß ohne dieseImpulse die steirische Tracht in ihrer„ primären“ Existenz bereits in den siebziger Jah-ren des vorigen Jahrhunderts, bestimmt aber um 1900 erloschen gewesen wäre. 24
6. Alpenfolklorismus
Im Gefolge der allgemeinen Begeisterung für das„ Almerische“ mutierte das na-türliche Kraftfeld aber bald zur alpinen Kulisse. So begegnet man im Verlauf des 19.Jahrhunderts verschiedenen„ Alpensänger- Gesellschaften", die mit ihrer Volksmusik,ihren Volksliedern und-tänzen und ihrer Tracht die Bühnen der großen, weiten Welteroberten. Es sei nur an die Geschwister Rainer und Straßer aus dem Zillertal er-innert und an ihre Epigonen, die in phantasievollen„ Nationalkostümen" in Europaund Amerika Aufsehen erregten. Auch die sogenannte„ Steyrische National- Sänger-Gesellschaft", die 1829/30 in Wien auftrat, bediente sich der steirischen Tracht alsVerkleidung. Die Mitglieder entstammten nämlich dem 5. Wiener Gemeindebezirk.
22 Der Brandhofer und seine Hausfrau. Von ihm selbst erzählt. Eigenhändige Aufzeichnungen des ErzherzogsJohann von Österreich. Hg. v. Alfred Wokaun, 2. Aufl. mit einem Nachwort von Walter Koschatzky, Graz1959, S. 229.
23 Lipp, Franz: Von Restauration zur Innovation. Grundsätzliches zur Trachtenerneuerung. In: Lipp F., H. Grünn:Volkstracht in Niederösterreich. Erneuerte Tracht(= NÖ. Volkskunde, Bd. 8). Linz 1973, S. 9-34.
24 Steirisches Trachtenbuch, begonnen und begründet von Konrad Mautner, weitergeführt und herausgegebenvon Viktor Geramb, 11. Bd., Graz 1935, S. 562.
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