GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN
liche Stammtisch im„ Krug zum grünen Kranz“ in der Herrengasse stellte für ihn einenFixpunkt dar. Hier fühlte er sich unter Gleichgesinnten angenommen und beheimatet.Die anregenden freitäglichen Diskussionsrunden verhalfen ihm nicht nur zu neuenEinsichten, sondern ließen ihn auch die Bedeutung des Gasthofes erkennen, worüberer im„, Heimgarten" philosophierte. Er erhob den Gasthof zur moralischen Institution,die für alle da sein müsse.
Für die vielen neuen Zuwanderer, die infolge der schlechten wirtschaftlichen Be-dingungen vom Land in die Stadt drängten, waren die Wirtshäuser eine wichtige An-laufstelle. In den zahlreichen„ Windn“, wie der Grazer Ausdruck für das Wienerische„ Beisl" lautet, fand man Schicksalsgenossen, mit denen man die persönlichen Sorgenund die Not teilen konnte. Für die neuen Stadtbewohner bedeutete das Gasthaus Zu-fluchtsort und Teilzeitwohnung, nicht Ersatz, sondern tatsächlich Heimat.
In einer volkskundlichen Gegenwartsuntersuchung zur kulturellen Bedeutung desGasthauses in Lend, einem Arbeiterviertel von Graz, geht Elisabeth Katschnig- Faschder Frage nach, welche Kriterien hinter dem Beziehungsgeflecht zwischen Gasthausund Heimat stehen. 10 Sie hebt dabei die Identitätsfindung( nach dem Motto:„ Hier binich Mensch, hier will ich sein“) und die Identitätssicherung durch Einbindung in einfestgefügtes, quasi familiäres soziales Umfeld als die beiden wichtigsten Faktoren her-vor. In dem bekannten Spruch kommt das gut zum Ausdruck:
Bei mir z'Haus
bin i nia z'Hausoba im Wirtshaus
bin i wia z'Haus.
3. Treffpunkt Verein
Um den Besuch des Gasthauses vor sich und den anderen zu rechtfertigen, tratman einem der vielen Vereine bei. Hier konnte man das Bedürfnis nach Gemein-schaftsbindung und nach Geselligkeit mit einem zielgerichteten Inhalt verknüpfen."Als Mitglied eines Sparvereins, eines Sportvereins, eines Theater- oder Gesangvereins,u.s.w. konnte man seinen Interessen nachgehen und im Verband mit anderen der Un-terhaltung frönen.
Im Gegensatz zur Korporation, der man aufgrund seiner Geburt und seines so-zialen Standes angehörte, erfolgt die Mitgliedschaft beim Verein durch freiwilligen
8 Rosegger, Peter: Von der moralischen Bedeutung des Gasthofes. In: Heimgarten, 1889, XIII, S. 874; Wieder-gegeben bei Zitzenbacher, a.a.O., S. 25-26.
9 Kämmerer, Erwin: Zwischen Schloß und Friedhof. Eine Gasthausstudie(= Diss. d. Karl Franzens- UniversitätGraz, 77). Graz 1988, S. 25.
10 Katschnig- Fasch, Elisabeth: ,, Im Wirtshaus bin i wia z' haus.“ Zur kulturellen Bedeutung des Gasthauses füreine städtische Region. Eine volkskundliche Gegenwartsuntersuchung. In: Grazer Gastlichkeit. Beiträge zurGeschichte des Beherbergungs- und Gastgewerbes in Graz. Wiss. Ltg. Herwig Ebner, Red. Gerhard M. Dienes(= Publ. Reihe d. Grazer Stadtmuseums, Bd. IV). Graz- Wien 1985, S. 119-127.
11 Grieshofer, Franz: Das Vereinswesen in Wien. Ein volkskundlicher Aufriẞ. In: Bericht über den 14. österr.Historikertag in Wien. Veröffentl. d. Verb. Österr. Geschichtsvereine, Bd. 22, Wien 1979, S. 221-232.
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