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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
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GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN

Walpurgisnacht, also die Nacht auf den 1. Mai, die Nächte zu Ostern, Pfingsten undAllerheiligen. In diesen, Unruhnächten' ziehen die Burschen durch das Dorf, hängenZäune und Gatter aus, verschleppen Geräte, zerlegen Wagen, setzen sie am Dachfirstwieder zusammen und beladen sie mit Mist. Vielfach wird das Gerümpel am Dorfplatzum den Pranger aufgetürmt. Hier wird deutlich, daß diese Handlungen nicht bloß Spaßund Übermut bedeuten, sondern daß es sich hier um eine Art Volksjustiz handelt. Diebösartigen Akte richten sich nämlich primär gegen Leute, die nicht den Normen desDorfes entsprechen bzw. mit denen die Burschen eine Rechnung offen haben. Sie sol-len auf diese Weise dem öffentlichen Spott preisgegeben werden.

In diesen Unruhnächten rechnet man aber auch mit den Mädchen ab. Man decktheimliche Liebschaften auf, indem man von einem Haus zum anderen eine, Straße'streut. Während beliebte Mädchen am 1. Mai einen grünenden Baum vor das Haus ge-stellt bekommen, erhalten allzu freizügige oder zu spröde einen dürren Wipfel oder gareinen, Tattermann', oder wie die ausgestopften Figuren sonst noch heißen, aufgesteckt.Solche Schandmale lassen oft an Deutlichkeit nichts offen, zum Beispiel indem manbei der Hose einen roten Maiskolben heraushängen läßt. Im östlichen Niederösterreichwerden Mädchen in der Allerheiligennacht aus Stroh geflochtene Zöpfe auf das Dachgeworfen. Es handelt sich dabei wohl um älteste Rügezeichen. Man denke nur an dieSchandkronen aus Stroh und daran, daß man gefallenen Mädchen früher die Zöpfeabschnitt. Helmut Fielhauer konnte diesen, Allerheiligenstriezel' in einem Film festhal-ten. Es ist, wie Werner Galler( 1971) feststellt, allerdings interessant, daß dieser Brauchoffensichtlich einen Bedeutungswandel erlebte. Heute werden die, Allerheiligenstriezel'nämlich mit Blumen geschmückt und allen Mädchen, die zur Burschenschaft gehören,auf das Dach geworfen. Neuerdings bieten sogar Floristen solche Zöpfe mit Strohblumenals Zimmerschmuck an. An dieser Stelle sei an die alpinen Formen der Unruhnächte, andie Haberfeldtreiber, die Charivari, die Alperer und an das Martinsgestampfe erinnert.

Das Heische- und Stehlrecht

Zu den wesentlichen Merkmalen der Burschenschaften gehört das Stehlrecht. Eszählt einerseits zum Ehrenkodex, daß man versucht, sich gegenseitig den Maibaum oderdie Strohgirlanden zu Allerheiligen zu entwenden. Es gilt aber auch für die Beschaffungdes Kirtagbaumes, oder von Holz für die diversen Feuerbräuche im Jahr( Funken, Osterfeu-er, Sonnwendfeuer), des Sauschädels bei den herbstlichen Schlachtfesten oder von Fleisch,Hühnern und Eiern im Fasching. Man darf solches Stehl- und Heischerecht jedoch nichtisoliert betrachten, sondern muß es in einem größeren Funktionszusammenhang sehen. Esdient in der Regel nämlich zur Finanzierung von Festen. Im Burgenland und in der angren-zenden Oststeiermark ziehen an einem der Faschingstage die Burschen von Haus zu Haus( primär aber in jene Häuser, in denen ein Mädchen wohnt), um Speck, Eier und Hafer zu er-bitten. Sie sind dabei entsprechend maskiert und werden von einer Musik begleitet. Währenddie, Faschingsnarren' mit den Hausleuten verhandeln, schleicht der Hühnerjäger' hinterdas Haus, um ein Huhn zu entwenden. Die erheischten und erbeuteten Naturalien werden

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