> 1984
Der junge Bayernkönig, der wie sein Vater der Trachtenpflege großes Interesse ent-gegenbrachte, drückte in einem huldvollen Schreiben sein Wohlwollen aus und lieẞan alle Kreis- und Bezirksämter die Aufforderung ergehen, Vereine zur Erhaltung derTracht zu gründen. Das gab den„ Trachtlern“ natürlich großen Auftrieb, und sie er-klärten König Ludwig II. taxfrei zu ihrem Patron, dem sich schließlich auch die Kirchebeugte. Damit avancierte der Lehrer Joseph Vogl zum Vater der Trachtenvereine. Eserscheint als Schicksalsfügung, daß König Ludwig II. und Joseph Vogl kurz daraufim Jahr 1886 starben. Beide haben sich aber bestimmt nicht träumen lassen, daß ihreIdee so weite Verbreitung finden würde. Noch im Jahr 1883 entstand in Fischbachauder Trachtenverein„ D'Breitenstoana" und in Miesbach, wo bereits seit Jahren Platt-ler und Trachtengruppen für die Unterhaltung der Gäste sorgten, der Trachtenverein„ Miesbach- Stamm". Im nächsten Jahr folgten Vereine in Hohenaschau und„ D'lustigenWendlstoana" in München. Danach ging es Schlag auf Schlag. 1890 kam es bereitszur Gründung eines oberbayerischen Gauverbandes, dem 15 Vereine beitraten. Die„ Kniehösler“ von einst sind heute ein selbstverständlicher Bestandteil der Volkskulturin Oberbayern. Die kurze Lederhose gehört zu jeder Fronleichnamsprozession und zujeder Leonhardifahrt, zum Fingerhakeln und Steinheben, zum Heimatabend wie zumOktoberfest. Sie ist das Sinnbild des Urbayern.
Dabei darf man aber nicht übersehen, daß die frühen Trachtenvereine in ih-rem Bemühen, die überlieferte Tracht zu erhalten, unversehens etwas Neues schufen.Das beginnt damit, daß die ehemals sozialgebundene Standestracht der Jäger, Holz-knechte, Flößer, Salinen- und Bergarbeiter bzw. der Mägde und Sennerinnen nun zurSonntagstracht oder besser gesagt in eine Vereinstracht umgewandelt wurde, die vor-nehmlich zu Schauzwecken getragen wurde. Sie wurde zum Kostüm für die diversenHeimatabende und Festumzüge. Dementsprechend erfuhr die Auszier der Lederhoseeine beachtliche Steigerung. So mußte der Säcklermeister Mühlpointner in Schlierseeauf Wunsch der aus Mährisch- Ostrau stammenden Bergleute von Hausham, die zuden eifrigsten Trachtlern der ersten Jahre zählten, die Lederhosen mit dem heute cha-rakteristischen gelblich- grünen Plattstich verzieren. Ähnlich verhielt es sich mit demSchuhplattler. Dieser war ursprünglich ein Einzelpaartanz, bei dem der Tänzer- umseiner Partnerin zu imponieren zwischendurch mit den Händen auf seine nacktenSchenkel bzw. auf die Schuhsohlen schlug und in die Höhe sprang. Die Tanzforscherreihen diese Sonderform des Landlers daher in die Gruppe der freien Werbetänze, diefrüher nur in einem eng begrenzten Raum in Oberbayern und in Tirol verbreitet waren.Eine besondere Pflegestätte des„ Plättelns" bestand in Miesbach. Hier existierte inner-halb des 1861 gegründeten„ Gemüthlichkeitsvereines“ bis um 1870 eine Schuhplatt-lergruppe. Diese Gruppe trat 1866 als„ 1. Oberbayrische Schuhplattlergesellschaft" inMünchen auf und ließ sich dort auch photographieren. Die Männer plattelten nun aberbereits synchron nach einer vorgeschriebenen Tanzausführung, allerdings noch mitMädchen. Als der„ Burschen- Krankenunterstützungsverein Miesbach" einige Jahrespäter eine neue Schuhplattlergesellschaft gründete, plattelten die Burschen oft allei-ne, womit der Weg vom freien Werbetanz zum„ Männerballett" gegeben war. Ähnlich
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