Druckschrift 
Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
Seite
106
Einzelbild herunterladen
 

GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN

Trachtenvereinsgeschichte und-geschichten

Die Geschichte der, Gebirgstrachtenerhaltungs- und Schuhplattler Vereine"

In Österreich existieren etwa 600 Trachtenvereine und Gruppen, die sich treudem guten alten Brauch" per Statuten die Erhaltung und Pflege der Tracht zur Pflichtauferlegen. Dazu kommen 1900 Blasmusikkapellen und 220 Schützenkompanien mitbunten Trachtenuniformen. Insgesamt weit über 100 000 Menschen, die den Ruf Ös-terreichs als Trachtenland begründen und die jenes Image aufrechterhalten, das dieFremdenverkehrsprospekte von unserem Land verbreiten. Wie die Sängerknaben, dieLipizzaner oder die feschen Schilehrer repräsentieren die Trachtler einen Teil öster-reichischer Kultur. Eine Kultur, die sich allerdings nicht genuin aus der Volkskulturentwickelte, sondern die das Ergebnis eines speziell ausgerichteten Vereinslebens dar-stellt, dessen Heimat das Gasthaus und dessen Motor die Geselligkeit war. Inwieweitdie Sorge um die Erhaltung der Tracht und die Pflege des Schuhplattlers zur Bildungvon Trachtenvereinen führten oder ob bestehende Stammtischrunden damit ihre regel-mäßigen Zusammenkünfte nur legitimieren wollten, möge in diesem Zusammenhangdahingestellt bleiben. Beherzte Männer waren jedenfalls der Meinung, daß gegen denVerfall der Tracht, der Sitte und des Tanzes etwas geschehen müsse. Vorerst in Bayern!Dort beschloß der Lehrer Joseph Vogl mit fünf Kumpanen in Bayrischzell am 25. Au-gust 1883, an des Königs Geburtstag, den ersten Trachtenverein zu gründen. Um ihrmissionarisches Wirken entfalten zu können, brauchten sie zunächst aber selbst eineTracht. Gemeinsam mit seinen Stammtischfreunden eilte der Lehrer Joseph Vogl daherzum Säcklermeister Dilger nach Miesbach, um sich zünftige Lederhosen anmessen zulassen. Eine Kurze", in der sie sich nach Fertigstellung voller Stolz beim Kirchgangpräsentierten. Der erhoffte Erfolg war jedoch nicht einhellig. Die Kniehösler" impo-nierten zwar den Fremden, bei der einheimischen Bevölkerung ernteten sie hingegenMiẞfallen und Spott. Die kurze Lederhose war bisher nämlich nur als Arbeitstracht vonden Waldarbeitern verwendet worden. Damit am Sonntag bei der Messe zu erscheinen,stellte einen Verstoß gegen die herkömmliche Sitte dar. Es nimmt daher nicht wunder,daß die Kirche gegen die Kniehösler" Stellung bezog und ihnen die Teilnahme an denProzessionen verbot. Noch 1913 wurden die Kniehosenvereine vom erzbischöflichenOrdinariat in München für sittenwidrig erklärt. Um gegen die zahlreichen Anfein-dungen gewappnet zu sein, übermittelte der Lehrer Joseph Vogl die Statuten seines,, Vereines zur Erhaltung der Volkstracht im Leitzachtal und Bayrischzell" Ludwig II.

106