DAS VEREINSWESEN IN WIEN. EIN VOLKSKUNDLICHER AUFRISS
dieser sei schon vor zwei Jahren von dem Nadlermeister Josef Riener unbefugt ge-gründet worden. Nach seinem Austritt habe der Viktualienhändler Heinrich Schwarz-kopf zusammen mit dem Stahlarbeiter Friedrich Teschenberger und dem MetallarbeiterAugust Junghans die Leitung übernommen. In„ Regeln“ seien die Beitragspflicht derMitglieder, die Bedingung, Höhe und Dauer des Unterstützungsanspruches festgelegtworden. Da man den Obliegenheiten in einer Wirtsstube„ offen“ nachging, könnenicht von einer geheimen Gesellschaft gesprochen werden. Da sie jedoch unbefugtexistiere, müsse man sie bis zu einer nachträglichen Genehmigung – um die man abernicht einkam- für aufgehoben erklären. Nichts einzuwenden hatte man hingegen beiden„ Krankenunterstützungs- und Leichenvereinen von Neulerchenfeld, von Fünf-haus, Sechshaus und Reindorf, von Lichtenthal und von Untermeidling". Das Gesuchdes Bäckermeisters Johann Georg Gräf aus Wieden wurde dagegen zurückgewiesen,„ indem schon 19 derlei Vereine am genannten Vorstadtgrunde bestanden". Je mehrAnträge eingebracht wurden, umso mehr wurden abgelehnt, da„ ein so eifriger Wohl-tätigkeitssinn inmitten einer Bevölkerung, welche sich nicht gerade durch Wohlha-benheit und nicht durch die strengste Moralität auszeichne“, auffallend und suspektsei. Viele, insbesonders Wirte, kümmerten sich aber nicht darum und führten ihreTätigkeit weiter. Die Mitglieder waren ja die verläßlichsten Gäste.
Mißtrauen und Mißgunst erfuhr auch der von August Schmidt 1843 ins Lebengerufene„ Wiener Männergesang- Verein".45„ Während in Deutschland seit 30 Jahrendie Liedertafeln blühten und nach ihrem Muster bereits ähnliche in Holland, Bel-gien und Elsaß sich gebildet hatten, gab es in Österreich, dem gesangfreudigen undstimmreichen, nichts Ähnliches. Die Ursache lag einzig in der Bevormundung durcheine Polizei, die aus politischem Angstschweiß nie herauskam und in dem Vortragedes, Deutschen Liedes' eine Gefahr für die Monarchie witterte... eine Verbindung von, Männer' und, Verein' versetzte die zärtlich wachenden Behörden in böse Aufregung".Mit diesen Sätzen umreißt Eduard Hanslick die damalige Situation, mit der sich dieMännergesangvereine konfrontiert sahen.46 Es bedurfte daher einer sehr beharrsamen,tatkräftigen und diplomatischen Persönlichkeit, um der Idee des vereinsmäßigen Män-nergesanges zum Durchbruch zu verhelfen, die sich dann von Wien aus blitzartig imgesamten Bundesgebiet ausbreitete.47
Das sprunghafte Ansteigen der Vereine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundertshängt sicher mit der geänderten politischen Lage zusammen, es war aber auch eineFolge der einsetzenden Bevölkerungsexplosion in der Stadt.48 Für die vielen Zuwan-derer wird der Verein eine Ersatzheimat, ein Kristallisations- und Identifikationspunktinmitten der Masse. In dieser Zeit der krassen Klassenunterschiede wird der Verein
44 Ebd., S. 80.
45 Aus der Geschichte des Wiener Männergesang- Vereines. Festschrift 125 Jahre Wiener Männergesang- Vereinv. Karl Kretschek, Wien 1968, S. 85 ff.
46 Ebd., S. 86.
47 Grieshofer, Franz: Vereinswesen I- Gesangsvereine. Österreichischer Volkskundeatlas, 5. Lfg., 1974, Bl. 83.48 Schmidt( wie Anm. 22), S. 99 ff.
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