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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
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DAS VEREINSWESEN IN WIEN. EIN VOLKSKUNDLICHER AUFRISS

mittels fortgesetzter gemeinschaftlicher Tätigkeit. Dazu bedarf es einer Norm, einesStatuts, das regelt wer, was, auf welche Weise tun darf.

Während in Deutschland bereits im 18. Jahrhundert Patriotische Gesellschaftenund Lese- Vereine entstehen, zählen im vormärzlichen Wien 39 Vereinigungen zur För-derung der Wirtschaft zu den ersten derartigen Organisationen. Ein kaufmännischerVerein zur Belebung des Erwerbsfleißes" wird zwar ein Jahr nach seiner Gründung1807 wieder aufgehoben, doch schon 1818 suchen angesehene Wiener Handelsleu-te und Fabrikanten neuerlich um die Bewilligung eines derartigen Vereines an. DenZweck sollte die Unterhaltung in freien Stunden durch erlaubte Spiele, das Lesenvon Handelszeitschriften, die Bewirtung fremder Handelsfreunde und die Übermitt-lung von Handelsnachrichten bilden. Nachdem im Anschluß an die Errichtung despolytechnischen Instituts Pläne zur Gründung von Vereinen zur Hebung des Gewerbe-fleiẞes scheiterten, gelang es 1839 nach mehrjähriger Verzögerung durch die Behör-den, den. Gewerbeverein ins Leben zu rufen. Neben der beruflichen Weiterbildungunter Beiziehung der Wissenschaft war an die Errichtung einer Bibliothek und einesLesekabinetts zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse gedacht, wofür man eine ei-gene Druckschrift auflegen wollte. Als Anreiz für Erfindungen und Verbesserungensollten Preise und Medaillen ausgesetzt werden. In der Folge wurde dem Verein, demErzherzog Franz Carl als Protektor vorstand, große Förderung zuteil. Unterstützungvon Seiten des Herrscherhauses erfuhr auch die 1807 gegründete Landwirtschaftsge-sellschaft in Wien, nachdem bereits Kaiserin Maria Theresia zu ähnlichen Organisati-onen angeregt hatte. Erzherzog Johann übernahm das Protektorat. Ähnlich wie beimGewerbeverein errichtete man eine Bibliothek, förderte die Forschung, setzte Preiseaus und richtete Mustergüter ein.

Charakteristisch für die frühen Vereine erscheint, daß sie eine Mehrzahl von Auf-gaben erfüllen. Sie dienen der Bildung, der Pflege der Wissenschaft, der gemeinnüt-zigen Praxis und der Geselligkeit. Diese Universalität zeichnet auch die erste, Gesell-schaft practischer Ärzte in Wien" aus, von der uns Johann Friedrich Osiander in denErinnerungen an seinen Wienaufenthalt von 1814/15 berichtet. 40 Nach ihrer Auflö-sung fand sie 1837 in der Gesellschaft der Ärzte, die bis zum heutigen Tag besteht,einen würdigen Nachfolger.

Da alle die genannten Gesellschaften Bibliotheken und Lesezimmer installierten,konnte im Vormärz nur ein echter Leseverein eingerichtet werden, der juridisch- poli-tische, über den Engel- Janosi berichtet." Alle übrigen Bestrebungen wurden mit demHinweis auf die bestehenden staatlichen und privaten Institutionen abgewiesen.

Um die Wissenschaft zu fördern, dachten mehrere Gelehrte an die Gründungeiner Gesellschaft der Wissenschaften". Außerdem wollten sie die wissenschaftlichenErkenntnisse in Societäts- Schriften" allgemein verbreiten. Ob diese Gesellschaft

39 Obrovski( wie Anm. 7), S. 85 ff.

40 Osiander, Johann Friedrich: Nachrichten von Wien über Gegenstände der Medicin, Chirurgie und Geburts-hülfe. Tübingen 1817.

41 Engel- Janosi( wie Anm. 6).

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