GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN
,, Wiener Wandertage"- eine aktuelle Form des Protestmarsches
„ How long can you go?" fragte die Wiener Stadtzeitung„ Der Falter" in seiner12. Ausgabe und meinte damit die Demonstranten, die sich auch nach 50 Tagen seitdem Antritt der neuen Regierung am 4. Februar 2000 jeden Donnerstag zu einemProtestmarsch durch Wien versammelten. Waren es anfänglich über 5000, so ließ dieZahl der Teilnehmer in den heißen Sommerwochen merklich nach, doch im Herbstwuchs die Beteiligung wieder deutlich an. Nach wie vor formieren sich die überwie-gend jungen Leute am Donnerstag zum Marsch durch das nächtliche Wien. Und dabekanntlich die Wiener für alle Einrichtungen und Neuerungen stets einen passendenTerminus parat haben, apostrophierte man die wöchentlichen Demonstrationsmärscheganz einfach zu„ Wiener Wandertagen".
Tatsächlich sind die Donnerstagsdemonstrationen einer Wanderung nicht unähn-lich, denn die sich spontan einfindenden Teilnehmer ziehen- zum großen Ärger derPolizei ohne vorbestimmte Marschroute stundenlang trillerpfeifend, trommelnd undmit Schlüsseln( in Anspielung auf Bundeskanzler Schüssel) rasselnd durch die nächt-liche Stadt. An den mitgetragenen Transparenten, an den skandierten Parolen(„ immerwieder, immer wieder, immer Wi- der- stand"), an den aufgesteckten Abzeichen( etwadie durchgestrichene„ Fliege“, das einstige Markenzeichen Schüssels) und am Einsatzder verschiedenen Lärminstrumente( in einem Fernsehbericht über die Donnerstags-demonstration war auch ein in Volksmusikkreisen allseits bekannter Dudelsackspieleran der Spitze des Zuges auszumachen) erkennt man, daß es sich bei den„ WienerWandertagen" um Protestmärsche handelt.
Neben der heterogenen Zusammensetzung der Teilnehmer scheinen die hohe Kre-ativität und Spontaneität ein wesentliches Kennzeichen der neuen Demonstrationskul-tur seit den 70er Jahren zu sein. Trotz des Happeningcharakters der Demonstrationendarf nicht übersehen werden, daß es sich dabei um eine politische Auseinandersetzunghandelt, die die Straße zum Schauplatz hat.
Die Inanspruchnahme der Straße gilt nach wie vor als ein wichtiges„ Kampf-mittel". Die Lahmlegung des Verkehrs verschafft den Demonstranten das Gefühl derStärke, verhilft ihnen zu Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und zur medialen Be-achtung ihrer Anliegen. Dabei spielt die Anzahl der Demonstranten eine große Rolle.
86