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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
Entstehung
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GESELLSCHAFT, SOZIALES LEBEN

fester Brauch. Dieser Marsch durch die Donauauen nach Tulln soll schon seit 1884durchgeführt werden. Auch wenn derartige Wanderungen keine erkennbare religiös-kultische Bindung aufweisen, dürfen solche Zusammenhänge, wie etwa zum InsGrear gehn am Ostersonntag, dabei nicht außer acht gelassen werden. 18

Mit der Durchführung von Wandertagen und Fitneßmärschen möchten die Ver-anstalter möglichst viele Menschen wieder zur körperlichen Betätigung führen, umso einen Beitrag für die Volksgesundheit und für eine sinnvolle Freizeitgestaltungzu leisten. Die ideellen Motive haben aber nicht selten auch eigennützige Interessenzu überdecken. Die Förderung sportlicher Aktivitäten und des Naturschutzgedankensdienen allemal dem eigenen Ansehen und sind eine gute Reklame für den Veran-stalter. Das gilt für das Geldinstitut wie für die politische Organisation. Viele Vereine,für die es sehr schwer ist, sich zu behaupten, bekommen mit der Organisation vonWandertagen ein neues Ziel und neue Aufgaben, mit denen sie ihre Aktivität unterBeweis stellen können. Mancher Verein sieht in der Durchführung eines Wandertageseine willkommene Möglichkeit, das Loch im Vereinssäckel zu stopfen. Bei einer Start-gebühr von durchschnittlich 50 Schilling ergeben sich beträchtliche Einnahmen, daStartfelder von zwei- bis dreitausend Personen durchaus keine Seltenheit darstellen.Subtrahiert man davon die Spesen für die Erinnerungsmedaillen, für Versicherungund sonstige Leistungen( die Verpflegung und die Getränke werden meist von Firmenbeigestellt), bleibt noch immer ein ansehnlicher Reingewinn. Wirtschaftliches Denkendürfte auch im Vordergrund stehen, wenn Fremdenverkehrs- und Verschönerungs-vereine die Saison mit Volkswandertagen ankurbeln wollen. Sie sehen darin außerdemeine gute Möglichkeit, den Bekanntheitsgrad des Ortes zu heben. Die ÖsterreichischeFremdenverkehrswerbung sucht mit dem Slogan vom Wanderbaren Österreich Gästeins Land zu locken.

Welche Motive bestimmen aber die Menschen, sich der großen Schar derMarschierer anzuschließen? Zunächst ist es sicherlich eine gewisse Trägheit, ein Man-gel an eigener Initiative, der nach etwas greifen läßt, was bereits organisiert angebotenwird. Das erspart das Planen für das Wochenende, bietet gleichzeitig aber die Möglich-keit, neue Gegenden kennenzulernen. Der Wunsch nach Natur ist nämlich vorhandenund auch das ungute Gefühl, daß zum Auto- und Bürodasein ein sportlicher Ausgleichim Freien unbedingt notwendig ist. Daher begrüßt man das Angebot und macht davonGebrauch. Ein starker Anreiz steckt in der Leistungsherausforderung. Die Bewälti-gung einer bestimmten Marsch- oder Laufstrecke verschafft nämlich die Bestätigungsportlicher Leistungsfähigkeit, die durch eine Plakette oder Urkunde zudem eine sicht-bare Anerkennung findet, die man im Büro und den Nachbarn herzeigen kann. DieLeistungsabzeichen sind daher ein wesentlicher Bestandteil des Volkswanderns. Überdie sportliche Auszeichnung hinaus sind die Medaillen und Anstecknadeln auchbegehrte Sammelobjekte. Die Veranstalter bemühen sich daher, nicht nur attraktiveMedaillen, die man stets in den Ausschreibungen abbildet, aufzulegen, sondern auch

18 Galler, Werner: Ostern in Niederösterreich(= Wissenschaftliche Schriftenreihe Niederösterreich, KulturpflegeNr. 9). St. Pölten, Wien 1975, S. 10 ff.

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