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Der Weg als Ziel : ausgewählte Schriften zur Volkskunde (1975 - 2005) ; Festgabe zum fünfundsechzigsten Geburtstag
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Volkswandern in Österreich

> 1982

Verwundert konstatiert man ein neues Phänomen: Man marschiert wieder. Nichtgezwungen und im Gleichschritt, nicht mit Trommelschlag und flammenden Parolen,sondern freiwillig, einzeln oder in Gruppen, im Kreis der Familie oder im Verein zie-hen die Menschen an den Wochenenden zu Hunderten durch die Gegend. Es vergehtkein Sonntag, an dem nicht irgendwo im Lande ein Wandertag abgehalten wird. DasErstaunliche daran ist, daß diese Bewegung- und um eine solche handelt es sich wohl- innerhalb einer relativ kurzen Zeit so viele Anhänger gewinnen und sich zu einerinternationalen Erscheinung ausweiten konnte.'

Die Formen und Bedingungen sind dabei fast überall gleich. Kennzeichnend fürdiese Wandertage oder Volksmärsche ist, daß es sich um organisierte Wanderungenhandelt, die auf einer markierten Strecke von unterschiedlicher Länge durchgeführtund in einer vorgeschriebenen Zeit bewältigt werden müssen. An der Wanderungkann man nur teilnehmen, wenn man vor dem Start einen bestimmten, durch dieAusschreibung festgesetzten Betrag entrichtet. Das Startgeld soll jedoch nach Mög-lichkeit schon vorher mittels Erlagschein überwiesen werden, damit die Organisatoreneinen Anhaltspunkt über die ungefähre Teilnehmerzahl erhalten. Als Gegenleistungwerden dafür Verpflegung und Erste- Hilfe- Dienste geboten. Außerdem bekommen dieTeilnehmer am Volksmarsch zur Erinnerung an die vollbrachte Leistung eine Plakette,eine Anstecknadel, eine Urkunde oder einen Fitneẞpaẞ.

Dieses Grundmuster ist ziemlich rasch verbindlich geworden. Überall werdendie Volkswandertage nach diesem Muster durchgeführt und erlangten rasch eine au-Bergewöhnliche Beliebtheit, die dazu führte, daß derartige Veranstaltungen bereits alsTradition angesehen werden, obwohl sie erst seit wenigen Jahren stattfinden. So kannman in den Regionalzeitungen, in denen man die Wandertage verläßlich registriertfindet, lesen, daß etwa der bereits zur Tradition gewordene Wandertag" von Groß-sierning im Dunkelsteinerwald, Niederösterreich, wieder von 250 Wanderern besuchtworden war, oder daß der traditionelle Bezirkswandertag der Union Weinviertel aufden Michelsberg" wieder ein großer Erfolg gewesen sei. Beide Veranstaltungen waren1972 erst zum dritten Mal durchgeführt worden.³

1 Hugger, Paul: Die Volksmärsche. Zur Entstehung eines neuen Brauches in der Schweiz. In: Schweizer Volks-kunde. 62. Jg., Basel 1972, S. 20-26, 3 Abb.

2 Das 1972 gegründete Institut für Gegenwartsvolkskunde der Österreichischen Akademie der Wissenschaftenunterhält ein Archiv, in das volkskundlich relevante Zeitungs- und Fernsehbelege aufgenommen werden.3 St. Pöltner Zeitung v. 29. 6. 1972; Nachrichten f. d. Bezirk Korneuburg und Stockerau v. 8. 6. 1972.

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