Denkmäler als Provokation
> 1993
Dank moderner Massenmedien konnte man live den Umsturz im Ostblock mit-erleben. Gespannt verfolgte die freie Welt die sich überstürzenden Nachrichten. Wasunverrückbar und unantastbar schien, wurde binnen kürzester Zeit von einer mutigenProtestbewegung hinweggefegt. Innerhalb dieser atemberaubenden Chronologie derEreignisse waren es vor allem Bilder, die sich in das Gedächtnis einprägten: die Öff-nung der Mauer, der Abbau des Eisernen Vorhangs, die roten Fahnen mit dem heraus-getrennten Emblem des Kommunismus, der Sturz der Denkmäler.
Die Zerstückelung der Mauer durch die sogenannten„ Mauerspechte“, das Bestei-gen und ihre Inbesitznahme in der Nacht nach dem 9. November 1989 und bei derÖffnung des Brandenburger Tores am 22. Dezember waren nicht nur eine spielerischsymbolische Erosion und exzessive Überwindung der Grenze, sondern eine„ Liminali-tätszeremonie", die festliche Begehung eines Schwellenzustandes, ein kollektiv prakti-zierter Übergangsritus.( Korff, 1990) Ähnliches wiederholte sich am Eisernen Vorhang,nachdem die beiden Außenminister J. Dienstbier und A. Mock am 11. Dezember 1989den Stacheldraht symbolisch durchtrennt hatten. Unübersehbare Menschenkolonnenpassierten an den folgenden Adventtagen die Grenze zwischen der CSFR und Öster-reich, um sich von der Realität der Öffnung zu überzeugen. Man riẞ mit eigener Handden Drahtverhau nieder, um das Unfaẞbare, die wiedergewonnene Freiheit, zu begrei-fen. In der Sowjetunion stieß das Volk die Statuen der Parteigötzen, mit denen diekommunistischen Machthaber ihr Territorium markiert hatten, in den Staub, um denSieg über das unmenschliche System zu dokumentieren. Hinter diesen Handlungen,millionenfach über Fernsehen und Presse verbreitet, steckte eine tiefe Symbolik, of-fenbarte sich die Magie des Bildes.
Und um zu verhindern, daß dieser Spuk neu entstehen könnte, tilgte man die Zei-chen der Macht ganz, entledigte man sich der Erinnerungsmale total.„ Sowjet- Denk-mäler als Rohstoffspender gestohlen; überall in der Ukraine stürzen die Lenin- Statuenund landen auf dem Müllplatz. In der litauischen Hauptstadt Vilnius liegt Lenin schonin einem Fabrikshof zur Weiterverarbeitung bereit", lauteten die Schlagzeilen derPresse. Man zerbröselte die Denkmäler, um die Erinnerung an sie auszulöschen, be-nannte Städte, Straßen und Universitäten um. Man schuf Tabula rasa. Die„ DamnatioMemoriae", die Beseitigung des Andenkens an den Tyrannen, an den Herrscher, indemman seine Denkmäler zerstört, seinen Namen aus den Archiven und Rechtsbücherntilgt, seine Münzen einschmilzt, seine Trophäen verbrennt, ist ein seit dem Altertumbekannter Vorgang.( Steiner, 1972)
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