ENTWICKLUNGSLINIEN IM VOLKSKUNDLICHEN MUSEUMSWESEN ÖSTERREICHS
war, sollte dem allgemeinen Bedürfnis nach Kunstanschauung entsprochen werden.Die Objekte sollten als Vorlagen für Gewerbe und Industrie, aber auch für Architektenund Künstler dienen. 1867 wurde dem Museum eine Schule(= Hochschule für an-gewandte Kunst) angegliedert, und im Jahr 1868 mit dem Bau eines repräsentativenGebäudes für beide Institutionen begonnen, wofür der Architekt Heinrich von Ferstldie Pläne erstellte( Mrazek 1973).
Dem Museum und seiner Schule, die als eine universelle Kunstgewerbliche Aka-demie organisiert waren, gelang es, daß im Zusammenwirken von Künstlern, Archi-tekten, Designern einerseits und von Industrie und Gewerbe andererseits innerhalbkürzester Zeit hochwertige und stilvolle Produkte erzeugt wurden, mit denen Öster-reich international Aufsehen erringen konnte. In dem Bemühen um eine eigenständigeKunstrichtung propagierte man einen dekorativen Stil, der sich stark an renaissance-zeitliche Ornamente anlehnte und der im Sinne eines Gesamtkunstwerkes alle Bereichedes Lebens umfaßte.
Unter der Federführung von Rudolf Eitelberger und unter Mitwirken seines Kus-tos Jakob von Falke( 1825-1897) verwirklichte man 1873 den Plan einer Weltausstel-lung in Wien, um vor aller Welt den wirtschaftlichen und künstlerischen Aufschwungin der Monarchie zu demonstrieren.
Diese Wiener Weltausstellung wird auch zu einem wichtigen Markstein fürdie Entwicklung der Volkskunde in Österreich. Abgesehen von der Errichtung einesethnographischen Dorfes, das allgemein als Vorläufer der späteren Freilichtmuseenangesehen wird, wurden in einer eigenen Abteilung die Produkte der nationalen Haus-industrie gezeigt. Jakob von Falke, der spätere Direktor des heutigen Museums fürangewandte Kunst, hatte dazu ein entsprechendes Konzept ausgearbeitet. Diese Aus-stellung bewirkte, daß man sich nun verstärkt den ländlichen Erzeugnissen zuwandte,für die Jakob von Falke erstmals 1876 den Begriff„ Volkskunst“ verwendete( Deneke1964).
Neben vielen kleineren lokalen Ausstellungen brachte die im Rahmen der Allge-meinen Land- und Forstwirtschaftlichen Ausstellung in Wien 1890 zusammengestellteAbteilung über die österreichische Hausindustrie neuerlich einen größeren Überblick,der in dem von Wilhelm Exner redigierten Katalog auch literarisch dokumentiertwurde. Diese Ausstellung scheint jedenfalls für den Kustos am Museum für ange-wandte Kunst und nachmaligen Universitätsprofessor für Kunstgeschichte, Alois Riegl( 1858-1905), der Anstoß gewesen zu sein, sich erstmals theoretisch in seiner 1894erschienenen Schrift„ Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie"( Berlin 1894) mit demPhänomen der traditionellen Produktionsformen in nichtindustrialisierten Gebietender Monarchie auseinanderzusetzen. Alois Riegl markiert somit jenen Wendepunkt,von dem ab nun in Wien die Bestrebungen der Volkskunde in ein eigenes zentralesVolkskundemuseum münden. Hier sei an die 1905 im Museum für Kunst und Industriedurchgeführte Ausstellung über„ Die Österreichische Hausindustrie" erinnert, die derGründer des Volkskundemuseums, Michael Haberlandt, zum großen Teil schon mitBeständen aus seinem neuen Museum bestreiten konnte.
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