Druckschrift 
Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

daß ich jahrelang alle sechs Monate an einem Pfarrhaus die Glocke zog, abernie Einlaẞ fand." Wir dürfen die im folgenden beschriebenen Musterbücher 2und 3 wohl als ihm gehörig ansehen, während Musterbuch 1 zeitlich früherliegen dürfte und vielleicht seinem Lehrmeister gehört hatte. Auf jeden Fallsind alle drei als Auswahlbücher für den Verkauf angelegt; es finden sich beijedem Bild handschriftlich die Verkaufspreise, die sich meist auf 100 Stückbeziehen 15a). Es lohnt sich, diese Bücher kurz zu analysieren, weil sie sowohlüber die Geschmacksentwicklung etwas auszusagen vermögen, als auch überdie Mode- Erscheinungen der Heiligenverehrung( regionale) Auskunft gebenkönnen, denn der Händler hat sich in seinen angebotenen Bildern sicherlichnach dem Publikumsgeschmack gerichtet.

Das erste Musterbuch ist ein Papierband, 11x20 cm, aus grauem Papier,mit einem Deckel aus Kleisterpapier; es dürfte in die Zeit kurz nach 1800fallen. Der Band enthält heute 140 Kleinbilder, von denen 132 koloriert sind.In der ersten Hälfte sind die Bilder nur auf der rechten Buchseite eingeklebt,in der zweiten links und rechts. Zwei Seiten sind herausgeschnitten und zweiBilder herausgerissen, vermutlich weil sie nicht mehr lieferbar waren. Imersten Teil sind die Bilder von 1-75 durchnumeriert, wobei für sechs Num-mern nie ein Bild eingeklebt war. Der zweite Teil ist neu numeriert von 12-106,wobei aber eine Reihe von Nummern dazwischen ausfallen. Die paar letztenSeiten des Bandes sind leer. Alle Bilder sind Erzeugnisse von AugsburgerVerlegern, und zwar sind die Bilder des ersten Teiles gekennzeichnet mitden Namen der Kupferstecher und Verleger Michael Gleich, Joseph Gleich undJoseph Kempter 16); der zweite Teil trägt im Buch die Überschrift Verlag vonJoh. Georg Frehling 17)". Sujetmäßig verteilen sich die Bilder auf 110 Heiligen-bilder, 23 Mahn- und sonstige religiöse Bilder und 7 ausgesprochen weltlicheBilder( das heißt 5% aller im Musterbuch vorhandenen Bilder). Man siehtdaraus eindeutig: man kauft oder schenkt Bilder beinahe ausschließlich zufrommer Erbauung. Auf die Heiligenbilder werden wir noch gesamthaft zusprechen kommen; hier seien nur ein paar Bemerkungen zu den übrigenBildern angefügt. Rein weltlich sind die Berufsbilder des Färbers, Zimmer-manns, Kupferschmieds und Metzgers, wobei das letztere zugleich als Spott-bild gebraucht werden kann( Es gibt ja Ochsen überall, Und Kälber auchin großer Zahl"). Dazu kommen dann noch der hl. Wilhelm als Bäcker unddie hl. Martha als Köchin( Attribut: zwei Poulets am Bratspieẞ). Freund-schaftsbildchen finden sich nur zwei; das eine ist als Rebusbild 18) gezeichnet,das andere zeigt einen Crucifixus auf dem Jesusmonogramm stehend undumgeben von drei roten Ostereiern 19)( Mein Freund nihm geneigt von mirdiss rothe Oster Ey"). Memento- mori- Bildchen finden sich auffallend wenige;es hat im Grunde nur ein einziges( ursprünglich von I. Waagus, von Frehlingübernommen); ein anderes stellt den Tod Josephs dar, mit dem Spruch,, Wachet und Bettet, dan ihr wisset weder den Tag noch die Stund". Allego-rische Darstellungen von Erde und Wasser sind verbunden mit Sinnsprüchenauf kleinen, untereinandergeschobenen Kärtchen 20). Sehr bewußt scheint einBild ,,, Die geistliche Macht", ausgewählt zu sein; der Spruch lautet: Gottheist die Priester in geistlichen sachen stäts für das Wohl der glaubigenwachen." Hingegen dürften die Bilder, die am Rande auf einen bestimmtenKalendertag Bezug nehmen( Ostern, 5. Sonntag nach Pfingsten, 1. September,

446