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Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
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war; sie waren als Verehrungen" für die Zimmerleute gestiftet worden. DieKirchbaurechnungen von Ostheim bei Hanau erwähnen 1725 ebenfalls eineSchnupftuchgabe für die Zimmergesellen 27). Auch andere hessische Landschaf-ten kennen im 19. Jahrhundert diesen Richtfestbrauch; meist wurde in dieZipfel der Taschentücher Geld eingebunden und jeder Baugeselle an der Spendebeteiligt 28).

Als Nachahmung des alten Zimmermannsbrauches kann man wohl dieSitte aus dem vorderen Spessart deuten, wo noch vor einigen Jahren beimUmzug des Kirmesbaumes jede Familie des Dorfes ein buntes Taschentuch andie Zweige band. Dann erhielten die Kirmesburschen die Tücher als Ge-schenk 29). Die großen, buntbedruckten Taschentücher, wie sie im 19. Jahr-hundert üblich waren, dienten auf dem Lande verschiedenen Zwecken: mantrug die kleinen Einkäufe aus der Stadt im zusammengeknoteten Tuch nachHause; die Patengeschenke wurden beim Bündeltragen" an Weihnachten undOstern darin geborgen, wobei das bunte Tuch zum Geschenk gehörte. In einigenhessischen Trachtendörfern, wo es noch bis vor kurzem bemalte Ostereien mitSprüchen gab 30), erhielt der Bursche von seinem Mädchen die Ostereier ineinem großen, farbig bedruckten Taschentuch, das er beim Kirmestanz an seineBrust heftete. Auch das Osterpackl" im Salzburger Land war in ein solchfarbfrohes Tuch verpackt.

AIII.

Die Taschentuchspende ließ sich bis ins letzte Jahrzehnt des 16. Jahrhun-derts zurückverfolgen. Wie alt aber ist das Taschentuch? Eine neuere, englischgeschriebene Darstellung von M. Braun- Ronsdorf über The History of theHandkerchief" 31) sieht die Vorläufer unseres Taschentuchs in den römischenMund- und Schweißtüchern( orarium, sudarium), die im zweiten vorchristlichenJahrhundert aufkamen. Diese feinen Linnentücher waren zunächst ein modi-scher Luxusartikel, wurden aber in nachchristlicher Zeit in einfacher Ausfüh-rung zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand. Daneben bediente man sich beimEssen( ohne Bestecke) einer Art Serviette( mappa), die auch bei den Gladiato-renspielen der späteren Kaiserzeit zum Beifallwinken benutzt wurde. Im früh-christlichen Mittelalter rückten die Tücher der Antike zum symbolischen Ge-brauch innerhalb des kirchlichen Kultes auf. Das Mittelalter kannte kein Tuchzum Schneuzen der Nase. Aus kirchlichen Vorschriften und einigen bildlichenDarstellungen kann man belegen, daß Kleriker ihre liturgischen Gewänderund Frauen die wallenden Tücher ihrer Haube gelegentlich als Schnupftuchbenutzten. Im allgemeinen schneuzte man sich mit den Fingern, eine Sitte, dieauch in unserem Jahrhundert noch nicht ganz ausgestorben ist.

in bewußter

Die höfische Kultur der Renaissance erfand noch einmalAnknüpfung an die Antike- das Taschentuch 32). Es erschien schon kurz vor1500 in Italien als paneto da naso" oder als fazzoletto". Diese luxuriösen Tüch-lein, oft mit Spitzen und Stickereien verziert, dienten aber meist nur alsdekorative Beigabe zum fürstlichen Gewand, als Brautgeschenk und Bestand-teil einer reichen Aussteuer. Die vornehmen Damen auf den Bildern der Malerdes Cinquecento( Abb. 14) tragen meist ein Spitzentaschentuch ostentativ in derHand, stammen sie gleich aus Italien, Frankreich, Spanien oder England. Im16. Jahrhundert hatte die Taschentuchmode schon bürgerliche Kreise in Deutsch-

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