figur des Volkssängers in einer gefährdeten Heimatwelt geworden und überseinen selbstgewählten Tod hinaus geblieben 53).
Die Form, in der er seine Lieder von Gottesgab aus unter die Leute trugund damit vor allem auf der nördlichen Seite des Erzgebirges immer wiederwahre Stürme der Begeisterung auslöste, war zugleich Ausdruck öster-reichisch- wienerischer Sing- und Musizierfreude, die durch ihn in unseremUntersuchungsgebiet zu einem individuellen Höhepunkt geführt worden ist.
Der folkloristische Hintergrund dieser Äußerungsform reicht ins 19. Jahr-hundert zurück. Als Hruschka und Toischer 1891 ihre Sammlung von Volks-liedern aus Böhmen veröffentlichten, berichteten sie über die Auswirkungender„ Wiener Singspielhallen", in denen damals schon„ Volkssänger" unterdiesem anziehenden Namen auftraten und ihre Erzeugnisse an den Mannbrachten 54). Bis in die erzgebirgischen Grenzgasthäuser spielten Schrammel-kapellen nach Wiener Muster auf, und ihr Programm setzte sich vor allemaus volkstümlichen Liedern, Tänzen und Märschen aus Wien zusammen. Indiesem Fluidum verbreitete sich auch das alte Motiv„ Wien im Volkslied" inzeitgemäßen modischen Singgutformen bis in die hauptstadtfernen Rand-gebiete der österreichisch- ungarischen Monarchie und darüber hinaus, jagerade dort war es vielfach beliebt und weist auf die„ Strahlungskraft“ deralten Kaiserstadt hin. Solche Lieder haben auch die erzgebirgische Grenzeüberschritten. Um 1880 hat Alfred Müller im oberen Erzgebirge eine Ab-schieds- und Liebesklage aufgezeichnet mit der formelhaften Eingangs-strophe:
Wien, o Wien, ich muß dich lassen,
O du allerschönste Stadt!
Und was muß ich drin verlassen?Meinen herzallerliebsten Schatz, 55)
ein Lied, das auch auf erzgebirgische Städte umgesungen worden ist,wie unter anderem auf Elterlein, und auf die Weise seine„ Einbürgerung" imErzgebirge dokumentiert. Leopold Schmidt, dem dieser Beitrag in freund-schaftlicher Verbundenheit zugeeignet ist, hat auf das Motiv und das Liedaufmerksam gemacht 56) und insofern von Wien aus auf unsere Fragestellunghingewiesen.
In dem vorstehenden Beitrag geht es um das Problem einer Grenze inMitteleuropa, um die Frage ihrer Durchlässigkeit bzw. ihrer trennenden Funk-tion, ein Problem, das ja gegenwärtig nicht nur, was die innerdeutschenBeziehungen im geteilten Deutschland anbelangt, sondern auch im Blick aufdie Spannungsfelder Europas zwischen Ost und West und in Ost und Westvon hoher Aktualität ist. Durch unsere Untersuchung ist jedenfalls einsich-tig geworden, daß die jahrhundertealte politische Grenze auf dem Erzgebirgeim historischen Prozeß der sozialkulturellen Überlieferung nirgendwann einunübersteigbarer Graben, geschweige denn ein undurchdringlicher Verhaufür Menschen und geistige Bewegungen samt ihren Manifestationen gewesenist. Es zeigt sich, daß solche Grenzlinien wie überall so auch hier mit variablerIntensität mehr oder weniger breite, dichte oder aufgelockerte Übergangs-zonen bewirken und ein Gewebe von Beziehungen trotz aller Behinderung,
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