Wie hier so spielte immer wieder in die Spott- und Foppverse der erz-gebirgischen Schnadahüpfeln die Armutei, die auf und von der andern Seitesich bemerkbar machte, herein, so auch in dem Vers aus derselben Zeit undGegend( Kleinrückerswalde):
Hallo! War pucht aa?
Dr böhm'sche Bettelmaa.
Hott'r mei Gansel net gesah?
Naa!
' s ward net weit sei,
Ebber hinter dr Schei.
Wieviel Eier hot's dä gelegt?Fuffzig. 50)
Andererseits aber fehlte es nicht an Gegenspott; so freuten sich die böh-mischen Mädchen über das Tschumperliedel, in dem die Armutei nach,, drüben" verlegt ist:
Worim sei de Borschen
In Sachsen esu stolz?
Weil dr Voter gieht fachten
Un de Mutter maust Holz. 51)
In solcher Grenzlage erschien das, was„ drüben" war oder von„ drüben"kam, bald im hellen, bald im dunklen Licht, einmal erfreulich, dann wiederbedrohlich, je nachdem die Zeichen standen. Das jeweils auf der anderenSeite liegende Land ist dann„ die Fremde". Durch sie kann man ins Elendgeraten, der Aufenthalt dort vermag Gefährdung und Konflikte heraufzu-führen. So erscheint in einer erzgebirgisch- böhmischen Fassung des überganz Mitteleuropa verbreiteten Klageliedes von dem Burschen, der in dieFremde zieht und dadurch sein Mädchen daheim an einen anderen verliert( Erk- Böhme, Nr. 48), das Gebiet jenseits des Grenzgrabens, Sachsen, als dasfremde Land, das das Unglück des Verlustes der Liebsten bringt:
Und wie ich ins fremde Land Sachsen kam,Da wär ich schon gern wieder fort.
Ach wär ich zu Hause geblieben,Sie hätte gehalten ihr Wort. 52)
In der Spannung von Heimat und Fremde stehen auch durch dennostalgischen Ansatz Leben und Schaffen des schon erwähnten Anton Günther( 1876-1937), des Schöpfers und Sängers zahlreicher erzgebirgischer Mund-artlieder, die das volkstümliche Singen nach der Jahrhundertwende auf beidenSeiten des Erzgebirges, vor allem im sächsischen Teil vielfältig belebten. Erstammt aus Gottesgab und wurzelt in der Tradition des böhmischenMusikantentums. In seiner Gestalt und in seinen weitverbreiteten Liedernverdichtet sich in besonders eindringlicher Weise auf dem Hintergrund derdamals wachsenden Nationalitätenspannungen das Problem der geistigen Zu-sammenhänge über die Grenze hinweg. Sein erstes Lied entstand 1895 in Pragals ein Heimwehlied, und in der Gestimmtheit heimatlicher Bindung stehtvon diesem Auftakt an sein gesamtes Singen und Dichten, ganz im Stil derZeit, zwar naiv, aber mit sentimentalischem Einschlag, zu dem natürlich ins-besondere das Grenzlanddasein beitrug, dessen Nöte so sehr auf ihm lasteten,daß sein Leben daran zerbrach. Anton Günther ist geradezu zu einer Symbol-
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