bau in unserm Gebirge nur noch einen spärlichen Verdienst abwarf, da nah-men die Bergleute, die immer in ihren freien Stunden musizierten, ihreInstrumente und zogen als Bergkapellen hinaus in die weite Welt. Meist zuFuß, das Felleisen am Rücken, als Bergleute gekleidet, wanderten sie von Ortzu Ort, ja von Land zu Land und waren überall gern gesehene Gäste" 43). Zudiesem ganzen Komplex ist interessant, daß 1805 in„ Karl Ruheim's Reisedurch das sächsische Erzgebirge" 4) berichtet wird:„ Bekanntlich geben sichdie ins Niederland gehenden und Musik machenden Bergleute gemeiniglichfür Johanngeorgenstädter aus; man hat mir hier aber gesagt, daß dies böh-mische Landsleute wären und sich fälschlich für hiesige ausgäben, weil siedadurch mehr zu verdienen glaubten." Hundert Jahre später wurde im oberenErzgebirge ein Liedchen aus dem Volksmund aufgezeichnet, das lebendigdie Stimmungslage solcher Wandermusikanten wiedergibt:
1. Heit gieht's nooch Sachsen naus,Ka Musiker bleibt ze Haus,Wer ne e bissel klimpern kaa,Der stimmt mit aa.
2. Wemmer in e Haus neikumm,
Sah mr uns nooch' n Krautfaẞ um,Do legn mr de Noten draufUnd spielen auf.
3. Erscht kimmt dr Tiroler draa,Dann kimmt's Hopserl aa.Miẞt ner racht aanig sei,Noochr klingt's fei.
4. Mozart sei mr freilich net,Glaab ober viel fahlt net,Wemmer ah kane Noten kaa,Hert sich's doch aa. 45)
Für die erzgebirgische Bevölkerung war die Grenzlage immer auf beidenSeiten nicht nur behindernde, sondern auch belebende Realität, mit der siesich auseinanderzusetzen hatte, mit der die unmittelbaren Anrainer täglichumgehen mußten. Dabei gab es natürlich immer besondere Elemente desreizvollen Andersartigen; für die Sachsen war zum Beispiel eh und je das,, böhmische Bier" verlockend, wie es in einem„ Tschumperliedel" aus derAnnaberger Gegend zum Ausdruck kommt:
War drubn an der Grenz wuhnt,
Der ka nischt drfier,
Doss'r senn Durscht lescht
Mit bähmischen Bier. 46)
In die Gasthöfe jenseits der Grenze luden darüber hinaus die„ öster-reichischen" Speisen und Getränke ein: ungarischer und Tiroler Wein ebensowie die vielgerühmte„ Wiener Küche" 47).
Natürlich spielte auch die„ Pascherei", das Schmuggeln über die Grenze,eine große Rolle. Richard Truckenbrodt hat darüber 1926 aufschlußreicheAusführungen gemacht 48). Auch im Lied- und Erzählgut hat die„ Pascher-romantik", die aber zugleich eine nicht zu übersehende ökonomische Basishat, ihren Niederschlag gefunden.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde bei Annaberg ein auch sonst inMitteleuropa bekanntes Tanzliedchen( Erk- Böhme, Nr. 980) aufgezeichnet, dasaber hier durch den örtlichen Bezug das ambivalente Fluidum zwischen dem,, diesseits“ und„ jenseits" der Grenze in einem neckenden Grundton zum Aus-druck bringt:
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Böhmischer Wind, ich bitt' dich schie, bitt' dich schie,Laẞ mer mei Haisel off'n Bargel stieh, Bargel stieh,Gieh ner eham, koch Ardäppelbrei, Ardäppelbrei,
Haste kaa Holz, steck Stecknodeln nei, Stecknodeln nei. 49)