Druckschrift 
Volkskunde : Fakten und Analysen ; Festgabe für Leopold Schmidt zum 60. Geburtstag
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

die ganze Angelegenheit ad acta gelegt wurde". Gegen Ende des 18. und zuAnfang des 19. Jahrhunderts kam es zu neuen behördlich- kirchlichen Aktionen;das Konsistorium formulierte als seine Meinung, daß die Christmettenweniger als eine religiöse Feier... anzusehen seien, vielmehr als nur eine ArtVolksbelustigung, weshalb sie ohne allen Nachteil abgeschafft werden könn-ten". Im Zusammenhang mit derlei Maßnahmen verlor das Bornkindl vieler-orts seine brauchtümliche Funktion, wenn auch die Mettengottesdienstekeineswegs ausstarben, bis dann nach 1900, in einer Zeit der bewußten Neu-belebung alter Bräuche, da und dort die Bornkindl- Figur wieder in ihregottesdienstliche Funktion eingesetzt wurde 16). Auch hier gibt es zweifellosim Laufe der Geschichte Zusammenhänge mit dem rekatholisierten Böhmenund von dort entsprechende Einflüsse, die auf dem gegebenen Nährbodenvolkstümlicher Religiosität im Sächsischen trotz des konfessionellen Unter-schiedes Ansätze fanden. So erzählt der Eibenstöcker Chronist Oettel, wie im17. Jahrhundert allerlei Personen der Kirche Geschenke" machten, von sei-nem gelehrten protestantischen Standpunkt aus als Götzen", als unnötigerBallast" angesehen: Caspar Wittichs, Hammer- Herrns an der BöhmischenGrentze, zwey Töchter... brachten ein geschnitztes Bild, wie sie solches beyihren Böhmischen Nachbarn vielleicht gesehen, welches... unter den Nahmeneines schönen neugebohrenen Christ- Kindleins angenommen, von MichaelKraußen in grünen Taffend gekleidet und zur Weyhnacht- Zeit auf das heiligeAltar gestellet worden", und der kritische Chronist fügt hinzu: SolcheGestiffte verdienen den Nahmen guter Wercke nicht, wie die liebe Einfaltwohl geglaubet, denn sie haben keinen Grund in Gottes Wort und einen fal-schen Endzweck" 17). Aber die Theologen konnten solche religiösen Bedürf-nisse des Volkes nicht abwehren. Dieses Bornkindl hat damals um 1650 einenneuen Eingang ins Gotteshaus gefunden nach Modellen, wie sie offensichtlichjenseits der Grenze wieder Fuß gefaßt hatten bzw. noch erhalten waren. Diekatholischen Länder weisen überall derartige Erscheinungen wie die Born-kindl- Verehrung auf, und eine entsprechende Kultfigur ist in Böhmen unterdem Namen Prager Jesulein" bekannt. Nach dem Bericht Horst Henschelswar zum Beispiel vor dem Zweiten Weltkrieg in Böhmisch- Zinnwald zurWeihnachtszeit eine Jesuskind- Statue aufgestellt, die 70 cm groß ist und imJahre 1925 in Norditalien geschnitzt wurde. Früher war eine solche Figur ausWachs, mit einem Seidenkleid angezogen, auf dem Altar" 18). Eine grenzüber-greifende Forschung hätte noch mehr ähnliche Belege in einem weiterenBezugsrahmen ermitteln können; jedenfalls zeigen sich auch hinsichtlich die-ses Brauchelements im Wechselspiel der Überlieferungen und Kulturbewe-gungen auf dem Kamm des Erzgebirges Kontakte, deren Niederschläge denvielfältigen Komplex der Überformung einsichtig machen.

Neuere Forschungen haben deutlicher als bisher aufzuzeigen versucht,daß eine Wiederbelebung insbesondere des Weihnachtskrippen- Baus vor allemdurch die Jesuiten von der böhmischen Seite her ins Erzgebirge vorgetragenworden zu sein scheint, mit einer mitteleuropäischen Ausgangsposition, dieoffensichtlich in Prag gesucht werden muß, und mit Bewegungen, die imZusammenhang mit der eindringlichen Prägekraft des Barocks zu sehensind 19). Seit 1589 erscheinen die Jesuiten in Komotau am Fuß des Erzgebirges,und bald werden sie mit reich ausgestatteten Aufzügen und Prozessionen

3*

35