Sehr wesentlich für die Bewertung der Museumssammlung ist, dass man nicht nurihre Sammlungsgeschichte kennen soll, sondern dass man sich auch bewusst ist, dassdie Gegenstände im Museum einem Veränderungsprozess unterliegen. Im Museumwird das Ding, das in der Regel nutzlos beiseite gelegt wurde, das seine Funktionverloren hat, mit dem nicht mehr musiziert wird, zum„ kulturellen Erbe". Hinter demSichtbaren offenbart sich im Museum das Unsichtbare, das geschichtlich Gewordene.Im Museum erhält der Gegenstand eine neue Bedeutung. Die Wechselwirkung von,, Fund und Erfindung" kommt somit ganz besonders auch bei den Musikinstrumentenzum Tragen. Konnte z. B. der Dudelsack ehemals noch als Relikt einer verklingendenMusikkultur aufgesammelt werden, kommt ihm heute nach einer inzwischen einge-tretenen Renaissance eine andere Bedeutung zu. Darüber hinaus ist ihm eine langeGeschichte eingeschrieben, die seine Wandlung vom höfischen Tanzinstrument zumBettlerinstrument und zum Instrument der neuen, alternativen Volksmusikszeneerzählt. 3 Das eröffnet die Chance, mit verschiedenen Fragestellungen und ausunterschiedlichen Blickwinkeln an das Musikinstrument heranzutreten.
Um dem Musikinstrument einer Sammlung gerecht zu werden, bedarf es der inter-disziplinären Bearbeitung. Die Basis hat jedoch die Musikinstrumentenkunde zuliefern. Für die Bearbeitung der Musikinstrumente in der Sammlung des Österrei-chischen Museums für Volkskunde konnte erfreulicherweise eine Arbeitsgruppe ausRepräsentantinnen des Instituts für Volksmusikforschung und des ÖsterreichischenVolksliedwerkes gewonnen werden. Wenn nun nach vielen Jahren der Beschäftigungmit den Musikinstrumenten des Österreichischen Museums für Volkskunde, diesenun in Katalogform präsentiert werden können, so erfolgt diese, gewissermaßenneutral, nach dem Gliederungsprinzip von Curt Sachs und Erich M. von Hornbostel.Dem Kustos einer ethnographischen Sammlung bleibt es freilich unbenommen, dieMusikinstrumente in seinem Depot nach einer anderen Systematik zu ordnen und invöllig andere Zusammenhänge zu stellen. Unabhängig davon hat er jedoch seine vor-dringlichste Aufgabe, die Bewahrung des ihm anvertrauten kulturellen Erbes und diekontinuierliche sinnvolle Ergänzung der Sammlung nie aus den Augen zu verlieren.
Franz Grieshofer
Direktor des Österreichischen Museums für Volkskunde
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Ernst Klusen: Volkslied. Fund und Erfindung. Köln 1969.
2
Wolfgang Suppan: Spielleute. In: Rudolf Flotzinger( Hg.): Musikgeschichte Österreichs, Bd.1.Wien/ Köln/ Weimar 1995, S. 146-148.
3 Armin Griebel: Der Dudelsack in der neueren Bordunmusikbewegung. In: Der Dudelsack in Europa.Hg. v. Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. München 1996, S. 69-81.