4. Seidendamaststoff, byzantinisch,
12. Jhdt.; Utrecht.
Schleifen verbundenen Kreisringe seine sasanidische Herkunft. Die Füllungderselben ist eine schon ganz volkstümlich gewordene Leitgruppe: die paari-gen Vögel, zierlich ausgeführt, mit Bändern über den Flügeln, im Lebens-baume, der drei Blüten am Gipfel trägt und unten in einen verdicktenStamm mit einem Spalt darinnen endet. Man könnte sich die Leitgruppe indieser Formgebung ohne weiters als bauerntümliches Stickmotiv denkenund erhielte damit eine Vorlage für den anderen aus sasanidischem Gestal-tungsgute stammenden Lebensbaum. Ganz ähnlich ist die Musterung desStoffes von Utrecht( Textbild 4).
Durch weitgehende ornamentale Gestaltung fällt ein zweifarbigerSeidenstoff mit sparsamer Goldbroschierung von Palermo aus dem 12. Jahr-hunderte 98) besonders auf. Zweiköpfige Adler haben Gazellen beim Lebens-baume gepackt, der aus einer großen blattförmigen Palmette und einemäußerst dünnen Stamme besteht, der am Grunde stark verdickt ist und imdreieckigen Baumspalte eine kleine Palmette erkennen läßt.
Durch letzteres Merkmal ist er mit dem sogenannten Sündenfallstoffeverbunden, einem der Futterstreifen des Krönungsmantels der deutschenKaiser, der im Jahre 1133 in Palermo ungefähr gleichzeitig mit dem vorhergenannten Seidenstoffe in den königlichen Werkstätten für den Normannen-könig Roger II. angefertigt wurde. Als Webegeflecht aus Gold- und buntenSeidenfäden gehört dieser Futterstreifen zu den vorzüglichsten Leistungendes Kunsthandwerkes aller Zeiten 99).
Durch Flechtbänder werden drei abgetreppte, neben einander liegendeFlächen gebildet 100), die drei der Anordnung nach sehr ähnliche Darstellun-gen enthalten 101), an denen zunächst ein großer Baum in der Mitte mit jeeiner Menschengestalt zu dessen Seiten auffällt. Der Baum hat eine drei-eckige Krone und an seinen waagrecht abstehenden Ästen hangen im ganzen30 Früchte. Über dreien ragen Schlangen- oder Drachenköpfe empor, wo-
98) E. Flemming, Textile Künste, Berlin, S, 78.
99) A. Weixlgärtner, Die weltliche Schatzkammer in Wien( Jahrb. d. Kunst-histor. Sammlungen in Wien, Neue Folge, Bd. 1, 1926).
100) Spieß, Marksteine der Volkskunst, Bd. 2, Tf. 1, Abb. 5, 6.
101) 1. Sündenfall Adams und Evas; 2. Die Verkündigung Mariens durch denEngel; 3. Ein mythischer Auftritt.
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