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Neue Marksteine : drei Abhandlungen aus dem Gebiete der überlieferungsgebundenen Kunst
Entstehung
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ist hier ein sechsteiliges Wirbelornament. Betrachten wir die Blüte auf dererst genannten Stickerei näher, so gewahren wir, daß die rahmenden Strichegleichfalls einen rechts laufenden Wirbel bilden.

Das Auflösen unserer Leitgestalt in ein dichtes Gewirr von reingeometrischen Linienzügen kann man an dem Stickereibesatze des Prunk-mantels 68) einer vornehmen Frau aus Skutari( Albanien) beobachten. Derzusammengedrückte Behälter mit den Henkeln, die zu großen S- Schnörkelngeworden sind, ist noch einigermaßen zu erkennen, die darüber liegendenVögel kaum mehr; vom Lebensbaume ist nur eine Strahlenblüte mit demHalbmondzeichen in der Mitte übrig geblieben. Die Einzelteile sind vonLinienzügen umsponnen.

Wir betrachten nun in einigen Fällen das Beharrungsvermögen unsererLeitgestalt, sobald sie von Umgestaltung ergriffen wird.

A. Das Doppelhenkelgefäß bleibt in einer Kümmerform erhalten, wenn-gleich sein Dasein nicht mehr notwendig ist.

1. Der Lebensbaum wird zu einem nicht naturnahe wiedergebenenBlumenstücke, das ein Rechteck füllt. Das Doppelhenkelgefäß bleibt alskleines, kaum bemerkbares Anhängsel erhalten. Dekorative Malerei, Pol-nisch, Bez. Dabrowa 69).

2. Der Lebensbaum wird auf der Leibung eines Kruges zu einem schräghingelegten Blütenzweige, dessen Einzelteile rein geometrisch sind. Er fuftin einem winzigen, schief liegenden Kantharos 70). Polnisch, Bez. Jaslo.

3. Zur Festtracht der deutschen Mädchen in der Iglauer Sprachinselgehörte ein Leibchen, dessen Rückenteile mit bunt eingestickten Rosengeschmückt sind. Der Rosendreisproß in der Mitte steckt in einem nur mehrangedeuteten Gefäße mit Doppelhenkeln. Dieses ist beim Tragen des Leib-chens gar nicht zu sehen, da der Rock knapp unterhalb der Rosenstengeldarüber gebunden wird. Das Fortschleppen der gleichsam nur im Gerippevorhandenen, unsichtbaren Leitgestalt ist um so merkwürdiger, als dieStickerei nicht von den Mädchen, sondern auf Bestellung im Böhmerwaldeangefertigt wurde und durch naturnahe Darstellung und durch Schatten-bildung aus dem bäuerlichen Kreise heraustritt.

B. Die Leitgestalt wird auf das Wesentliche beschränkt und dient alsBaustein zur Schaffung einer neuen Einheit.

Ein Hochzeitskopftuch aus der Teichgegend in Südböhmen 71), mit buntenGlasperlen und Goldflitter reich bestickt, zeigt in der herabhangenden Eckeeine an die Augenornamentik gemahnende Auszier. Bei näherer Betrachtungbemerkt man, daß das Schmuckfeld aus mehreren eng aneinander gelegtenEinheiten zusammengesetzt ist. Jede derselben enthält, deutlich hervor-gehoben, drei umsäumte Kreisflächen und ein kleines Trapez mit geschwun-genen Seiten, die mit feinen Linien verbunden sind. Man erkennt unschwer,daß der auf das Äußerste verkürzte Lebensbaum im Gefäße des Lebens-wassers vorliegt. Die Zwischenräume sind mit zarten Füllstücken ausgelegtund das Ganze ist leicht umrandet. Fünf dieser Einheiten gleichen einander

68) Österr. Museum für Volkskunde, Wien; Bossert, Ornamente der Volks-kunst, Tf. 23, Abb. 14.

69) Eug. Frankowski, Polnische Volkskunst, Krakau 1928( Poln.), Tf. 32.70) Frankowski, Tf. 12.

71) Österr. Museum für Volkskunde, Wien, Inv. Nr. 6514; Abb.: M. Haberlandt,Österreichische Volkskunst, Tf. 8, Abb. 3.

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