Hochzeitsbaum Mariens erhielt damit als Baum im Zeiteinschnitte, als Baumder Weltenwende eine besondere Bedeutung. Er hat sich nicht zufällig ein-gestellt. Die entsprechenden Vorstellungen hiefür finden wir bereits in demProtevangelium des Jakobus 24), dessen Entstehung für die Mitte des 2. Jhdts.angesetzt wird. Dort ist der Lebensbaum mit der Lebensquelle auf zweiFrauen, auf die Mutter Anna und Maria, ihre Tochter, verteilt( c 2-4, 11).Durchsichtig genug ist, daß die wunderbare Empfängnis der bis dahinunfruchtbaren Anna unter dem Lorbeerbaume mit dem Neste des Vogels imWipfel im Garten vor sich geht, in den sie um die 9. Stunde, mit dem Braut-kleide angetan, hinabgestiegen ist. Maria empfängt die Botschaft des Engels,das heißt, sie wird der wunderbaren Empfängnis teilhaftig, da sie mit demKruge an dem Brunnen Wasser schöpft. Die zweite wunderbare Empfängnisist eine Wiederholung der ersten und Lebensbaum und Lebensquelle sindauf zwei Berichte aufgeteilt.
Der Verfasser der in griechischer Sprache niedergelegten Schrift warein Heidenchrist Glossar ::: zum Glossareintrag Heidenchrist und daraus erklären sich auch die auf hellenistische Über-lieferung zurückgehenden, für die Ausschmückung verwendeten Züge, dieihrerseits wieder einer alten indogermanischen Grundschicht angehören.
In einem Mosaikbilde des Klosters Daphni bei Athen um 1100, wird dieVerkündigung an Anna so dargestellt, daß sie vor dem sogenannten Pinien-brunnen vor sich geht, der eine Zusammenfassung von„ Baum und Quelle"ist 25).
Die legendären Züge aus dem Marienleben, immer wieder umspielt vonvolkstümlicher Überlieferung, lassen es verstehen, warum in bestimmtenDarstellungen von der Verkündigung Marias die Leitgestalt„ Lebensbaumim Gefäße des Lebenswassers" ein wesentliches Bestandstück der Gesamt-darstellung bildet.
In dem Reliefschmucke des Domtores von Altamura( 1228-1232) fälltdie Verkündigung Marias auf 26). An der einen Seite des Tores ist derkniende Engel mit dem Botenstabe vor einem Doppelhenkelgefäße gegeben,aus dem eine Ranke mit ornamentalen Blättern entspringt, an der anderenSeite Maria. In einem Bilde des Martini Simone( Uffizien, Florenz), datiert1338, mit dem kostbaren Rahmen zu einer wunderbaren Einheit verbunden,kommen bereits feinste Seelenregungen zum Ausdrucke, aber die kennzeich-nende Leitgestalt ist getreu beibehalten. Zwischen der erschreckten und sichkeusch versagenden Maria auf einem kostbaren Lehnstuhle und dem knien-den Engel mit einem Blätterzweige in der Hand steht ein zierlich getriebenesDoppelhenkelgefäß mit einem Gesprosse zarter Lilien.
Nördlich der Alpen finden wir eine Darstellung der VerkündigungMarias als Fresko in der Vorhalle des Gurker Domes 27), datiert 1339-1343,wo zwischen Maria und dem Engel ein Neunsproß im Gefäße des Lebens-wassers steht. Unter den Bildern der Tafel der Kartause Gaming aus der1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, von der sich nur eine alte Nachzeichnung( bei
24) E. Hennecke, Neutestamentliche Apokryphen. Tübingen 1924, S. 85 ff.25) Spiess, Der Brunnen der ewigen Jugend( Hommel- Festschrift 1916,S. 333, Abb. 4).
26) K. Isper, Kaiser Friedrich II., Leben und Werk in Italien. R. Pagenstecher,Apulien, Leipzig 1914, S. 151.
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27) K. Ginhart- Br. Grimschitz, Der Dom zu Gurk. Wien 1930, Tf. 104.