senen mit dem Typhus kämpften. Und auch der allmähliche Wandel der Wohngewohn-heiten ist von ihren Bildern noch abzulesen. Man bemerkt das allmähliche Zurücktretender alten, beschnitzten und bemalten Möbel, man begreift den Einzug der bürgerlichenMöbel im Sinn der Biedermeierzeit. Möbelstücke, die es vorher überhaupt nicht gab, wiebeispielsweise das Nachtkästchen, treten auf den späten Votivbildern der fünfziger undsechziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf. Mit ihnen klingt freilich beides aus: Das alteMöbel, wie es sich im Laufe der frühen Neuzeit gestaltet und entfaltet hatte, und dasVotivbild ebenfalls.
Dieses Auslaufen im 19. Jahrhundert, das zur raschen Abwertung des„ Bauern-möbels" führte, täuscht heute nicht mehr darüber hinweg, daß es sich bei der ganzenErscheinung doch um das Phänomen einer echten Kulturblüte gehandelt hatte. Wederdie schlichten Anfänge aus der Fugenzeit zwischen Mittelalter und Neuzeit noch dieabgewerteten Endergebnisse im 19. Jahrhundert können die allmählich erarbeitete Hoch-schätzung der Bauernmöbel der Blütezeit vermindern. Was so ungefähr zwischen 1648und 1848 geschaffen, verwendet und größtenteils wieder verbraucht wurde, bedeutetenicht nur einen beträchtlichen Schmuck der ländlichen Wohnräume. Dies ungefähr eben-sowenig, wie die Bilder aus der Blütezeit der holländischen Malerei nur Erinnerungenan die Ausstattung der bürgerlichen Wohnräume Hollands im 17. Jahrhundert darstel-len. Die Erkenntnis eines künstlerischen Eigenwertes hat sich für das eine Phänomendurchgesetzt, und tut dies nun auch für das andere. Dieser Vorgang des allmählichenVerstehens der gewordenen Eigenheit dieser Möbel ist noch nicht beendet. Jede Samm-lung, jede Veröffentlichung und nicht zuletzt jede Ausstellung trägt weiter dazu bei.Die beschnitzten und bemalten Möbel dieser Blütezeit, die vom Barock bis zum Bieder-meier gewährt hat, sind heute auf dem Weg zu einer neuen Bewertung. Aus der wissen-schaftlichen Erkenntnis erwächst hier allmählich ein neues Bewußtsein.
RAUM IX
Die frühen Möbel, Blankholztruhen des 16. Jahrhunderts, vermitteln nur einenunvollkommenen Eindruck vom Wohnen mit solchen Möbeln. Daher sind in diesemRaum zu den Möbeln Holzschnitte aus ihrer Entstehungs- und Verwendungszeit ge-hängt. Es handelt sich um verhältnismäßig kleine Buchillustrationen, die für den Schau-zweck stark vergrößert werden mußten.
a) Kleine niedere Kinderwiege auf dem Textbild: Melusine stillt nächtlicherweiseihr Kind. Holzschnitte aus dem Volksbuch von Melusine. Straßburg, um 1480.
OMV Dia 6940
b) Bodenfeste Bänke und Tische. Bäuerliches Leben: Trinkende auf Bänken untereinem schräggestellten Flugdach im Freien. Holzschnitt aus der Ausgabe von Vergils,, Georgica", Straßburg 1502.OMV Dia 6973
c) Richterbank und Stubentisch. Bezahlung der Gerichtskosten: der Richter aufder Bank, vor ihm der Tisch, die Zahlenden stehen. Holzschnitt aus der BambergischenHalsgerichtsordnung. Mainz 1510.OMV Dia 6974
d) Stube mit Himmelbett, Wiege und Gehschule. Reiche Wohnstube mit stillendenund spinnenden Frauen und gravitätischem Hausvater. Holzschnitt des Petrarca- Mei-sters( Hans Weiditz) aus dem Glücksbuch des Petrarca in der Verdeutschung vonSebastian Brant. Augsburg 1532.OMV Dia 4219
5 Schloßmuseum Gobelsburg
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